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Lucille

Er wusste nicht, woher sie gekommen war. Nicht, wie sie hieß oder wie alt sie war. Sie stand eines Tages einfach vor seiner Tür. Er sah sie an. Sie sah ihn an. Niemand sagte ein Wort. Das ging so eine Viertelstunde. Dann ließ er sie rein. Warum, wusste er nicht. Er wollte sie fragen, was das sollte. Wer sie sei. Warum gerade er? Er wollte nur seine Ruhe haben. Sein Leben war geordnet und ruhig. Genau wie er es wollte. Er wollte sie anschreien. Sie rausschmeißen. Wenn es notwendig wäre, mit Gewalt.

Als er sie fand, saß sie in seinem Wohnzimmer auf dem Boden. Sie las in einem kaputten Reclamheft. Später fand er heraus, das es sich um Faust I handelte. Das einzige Buch das sie besaß. Sie las es immer und immer wieder. Ihre schwarzen Haare fielen ihr beim lesen über ihr Gesicht und verdeckten es. Er wollte gerade anfangen zu brüllen, aber er bekam es nicht fertig. Er sah sie an, dann nahm er sich selbst ein Buch, legten sich auf sein Bett und fing an zu lesen.

Als er Abendessen machte, deckte er für zwei auf. Sie setzte sich schweigend hin. Schweigend aßen sie. Es fühlte sich nicht unangenehm an. Er dachte nicht drüber nach. Sie tranken. Es war, als ob es nicht anders sein konnte. Als es Zeit war, schlafen zu gehen gab er ihr Decke und Kissen und sie legte sich auf seine Couch. (Das Bett hatte sie ohne Worte zurückgewiesen.) Er putzte sich die Zähne. Wunderte sich kurz, das er nicht das geringste fühlte. Alles in ihm war ruhig. Das was er tat, war richtig. Auch wenn er es immer noch hasste gestört zu werden. Er wusste, das es richtig war.

Diese Nacht träumte er von einem Haus. Es war ein modernes Haus. Klar und übersichtlich. Es fügte sich in die Natur ein. Verschmolz mit ihr. Er wusste, dass es nicht sein Haus war. Noch nicht. Aber er würde drin wohnen. Würde Frau und Kinder haben. Alles wäre ruhig. Er würde Bücher schreiben und seine Kinder erziehen. Dazu erziehen, raus zu gehen und ihre Schlachten zu schlagen. Zu verzweifeln, und doch etwas aus ihrem Leben zu machen und nicht Geld zu verdienen.Dazu erziehen auf andere zu achten, ohne sich selbst dabei zu vergessen. Mit anderen zu leben. Alles das wusste er in diesem Moment. Alles das , was er nie gewollt hatte stand jetzt direkt vor ihm.

Plötzlich explodierte das Haus. Aus dem Feuerball kam eine Frau auf ihn zu. Sie hatte ein blaues und ein grünes Auge. Sie lächelte ihn an und schüttelte den Kopf.
„Das war mein Haus!“, schrie er sie enttäuscht an.
„Nein, noch nicht.“, flüsterte sie mit einer seltsamen Stimme.
„Und meine Frau? Die Kinder?“
„Du hast sie noch nicht getroffen.“
„Was muss ich tun?“
„Unterschreib hier.“ Sie hielt ihm ein Stück Papier hin. Er sah es an. Er kannte diese Art Situationen. Er hätte aber nie gedacht selbst mal drin zu stecken.
„Mit Blut?“, fragte er lächelnd.
„Wenn du möchtest..“, antwortete die immer noch lächelnde Frau. Sie hielt ihm einen Stift hin. Er war aus Gold und seltsam warm.

Plötzlich hörte er eine Stimme hinter ihm. „Nein.“, sagte diese Stimme. Sie sagte es nicht laut und nicht unfreundlich. Aber sie sagte es so das er den Stift nicht einmal in seine Hand nahm. Er drehte sich um. Sie stand da. Weil er träumte wusste er plötzlich das sie Lucille hieß. Lucille sah die Frau mit den zwei verschiedenen Augenfarben an.
„Verschwinde.“, sagte Lucille zu ihr.“
„Er gehört nicht zu dir.“
„Das darf er selber entscheiden.“
„Ja, aber er wird sich nicht für dich entscheiden.“
Er wollte gerade sagen, das er sich es wenigstens überlegen möchte, da sah sie ihn an. Er nickte nur. Und ließ es. Die andere Frau lächelte säuerlich und verschwand. Er war seltsam erleichtert. Er sah Lucille an. „Ich bekomme nie… sowas?“ Er zeigt auf die Stelle wo das Haus gestanden hatte.
„Doch, aber nicht so.“
„Und wie dann?“
„Das wirst du schon merken. Du hast noch einiges vor dir.“
„Ihr Träume seid immer so deutlich.“
Sie lächelte nur. Das erste Mal. Er wachte auf.

Am nächsten Tag ging er zur Arbeit bevor sie aufwachte. Er legte ihr noch die „Wahlverwandschaften“ hin.
„Ich könnte mal wieder nach Italien fahren.“, dachte er als aus der Haustür trat.

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Über lnmyschkin

Grummeliger Bär und Denker. Schreiber von Geschichten und Gedichten.

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