Raureif

Am morgen Raureif.
Kalte klare Luft atmen.
Einfache Schönheit.

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S. ist nicht verrückt

S. ist hungrig, aber er isst nichts. Denn S. hat zwar Hunger aber keinen Appetit. Aber das ist nicht das Problem von S. Was ist es denn? S. weiß es nicht. Vielleicht noch nicht. S. erträgt keine großen Menschenmengen. Nicht das S. Panikattacken bekommt. Oder doch?. S. erträgt sie einfach nicht, er möchte fliehen, sein Herz rast, er hasst jeden der einen bestimmten Abstand unterschreitet. S. ist nicht verrückt.

Manchmal versteht S. die Welt nicht. Das hat er schon als Kind nicht. Die Kinder kamen ihm zu albern vor. Er verstand schon damals nicht wie man sich mit solchen Sachen beschäftigen konnte. Er spielte in seiner eigenen Welt. Erlebte Abenteuer, die viel spannender und realer waren als das was er da draußen erlebte und was die Menschen „Realität“ nennen. Aber jetzt ist er erwachsen, oder? Er hat sich eingefügt. S. ist nicht verrückt.

S. liest viel. Bücher sind für ihn verständlich. Er hört jedes Wort und weiß, was es bedeutet. Es ist einfach in einem Buch die Situation zu überschauen. Findet S. Auch ist es für S. einfacher, Gespräche schriftlich zu führen. Bei anderen Gesprächen muss er auf zu viele Dinge achten. Das überfordert S. Also hat S. in dem was sie „Realität“ nennen, nicht viele Freunde. Manchmal trifft er jemanden dem es nichts ausmacht, das S. seltsame Abzweigungen nimmt und von einer Beobachtung zur nächsten springt. Dem es nichts ausmacht, das er oft gar nicht spricht und dann wieder Monologe hält. Das S. hin und wieder denkt, er ist seltsam und anders. S. ist nicht verrückt.

S. Körper verkrampft. Er möchte schreien. S. fühlt sich oft alleine. „Dann geh doch öfter raus!“, sagen die Menschen. „Ja“, sagt er. „Das ist es nicht.“, denkt er. S. weiß nicht wer recht hat. S. weint selten, aber wenn dann ohne Anlass, plötzlich und untröstbar. Manchmal verspürt er den Drang seinen Kopf gegen die Wand zu schlagen, aber das hat er meißt unter Kontrolle. Früher war er oft wütend, rasend voller Hass. Er zerstörte Sachen und brüllte stundenlang. S.ist nicht verrückt.

S. ist so wie er ist. Das ist einfach und doch schwer. S. weiß das es bei den anderen genauso ist. S. wäre manchmal gerne anders, aber er möchte S. bleiben. S. weiß nicht ob das geht. S. hasst diese Menschen die nur auf Leistung aus sind. Über Leichen gehen. Die Menschen verachten, weil sie „nicht können“. S. ist nicht faul. Zumindest hofft S. das. S. ist so wie er ist. S. ist nicht verrückt.

S. ist kein Held. Aber er steht jeden Morgen auf. Tut Dinge, die er nicht versteht. S. lacht und weint und hilft anderen und lässt sich von anderen helfen und kocht und isst und ist ein Engel und ein Arschloch und mutig und hat Angst und betrinkt sich und bleibt nüchtern und gießt seine Blumen und bewundert die Sonne und den Mond und geht weiter. S. ist nicht verrückt.

Damals

Damals, als

ich noch jung und wild war,

(Stattdessen war ich genauso

drösig wie heute)

damals also in diesen

Sommern,

(Die ich nicht aushielt.)

damals als ich träumte

(und nicht wusste wovon)

und Menschen hasste

deren Gedanken quadratisch

verliefen.

(Hasse ich heute noch?)

Damals, als

ich liebte, las, aß

und trank.

(Und meine Hand noch schwieg)

Die Sonne schien

und ich verknotete meine Arme

aus Scham und Schüchternheit.

(Auch sah ich zu Boden)

Damals, als

mein Körper nicht

vorhanden schien.

(Oder nur wenn er etwas nicht konnte.)

Damals also,

als ich mich raushielt

und Menschen übersah.

Voll von Gedanken und

Geilheit und Scham und

Brillianz und Ungenügen.

Damals schien die Sonne.

(Wie heute auch.)

Ausflug

Es war noch dunkel und trübe, als es an der Tür klingelte. Bernd öffnete verschlafen. „Kommst du mit ans Meer?“, fragte Simon. „Was?“ Simon und Bernd waren seit etlichen Jahren Freunde. „Kommst du mit ans Meer, Bernd?“ Simons Tonfall änderte sich nicht. Bernd schüttelte sich, als ob er erst anspringen musste. „Klar, warum nicht?“, antwortete er. Dann zog er sich an. Sie sprachen nicht. Warum auch? Sie packten essen und trinken ein, und gingen nach draußen.

 

Sie stiegen in Simons schlumpfblaues Auto. Es war alt, aber noch brauchbar. Sie schnallten sich an und fuhren los. Bernd schob eine CD in den CD-Schlitz. Es war eine Mix – CD auf der neben den Beatles und Skrillex auch die Beasty Boys und die Ramones zu finden waren. Bernd fragte nicht, wie Simon auf die Idee gekommen war, heute ans Meer zu fahren. Auch nicht, warum sie gerade jetzt los mussten. Er kam gar nicht darauf, das es etwas zu fragen gäbe. Es war einfach so.

 

Simon fuhr und Bernd sah aus dem Fenster. Draußen flog die Landschaft entlang. Aber die war den beiden egal. Wichtig war es, vorwärts zu kommen. Sie schwiegen immer noch. Die Wolken öffneten sich und man sah eine wunderschöne Herbstsonne. Paul McCartney fing an „For no One“ zu singen. Simon summte mit. Es war eines seiner Lieblingslieder.

 

Bernd und Simon hatten sich damals am Meer kennengelernt. Sie waren beide fünf Jahre alt, bauten Burgen, aßen Grünofant und Dolomiti. Ihre Eltern trafen sich jeden Sommer. Sie wohnten weit voneinander entfernt. Als Simon und Bernd anfingen zu studieren trafen sie sich zufällig in der Universität wieder. Einige Zeit hatten sie sogar zusammen gewohnt.

 

Es wurde immer windiger, je näher sie dem Meer kamen. Ihre Herzen schlugen. Sie waren am Leben. Sie freuten sich auf den Wind und den Geruch des Meeres. Auf die Einsamkeit. Zwischendurch aßen sie Brote auf einem Rastplatz. Unterhielten sich über ihr Leben und Musik und welche Filme sie noch sehen wollten. Sie atmeten die Luft tief ein.

 

Simon hatte sich gerade von Vera getrennt. Friedlich. Sie hatten einfach andere Richtungen eingeschlagen. Bernd hatte Vera gemocht, aber er hatte verstanden das es nicht mehr ging. Er hatte sich um Simon gekümmert. Mit ihm Bier getrunken und ihm zugehört. Simon hatte viel von Vera erzählt. Von ihrer Narbe am Handgelenk, von ihrer Art zu Tanzen, davon das er noch nie so guten Milchreis gegessen hatte, wie den den Vera kochte. Bernd hatte nie etwas dazu gesagt. Er hatte still da gesessen, zugehört und neues Bier geholt, oder Salzstangen. Einmal hatte er sogar gekocht.

 

Sie kamen abends am Fährhafen an. Erwischten die letzte Fähre. Es war schon wieder dunkel. Das Meer schien schwarz zu sein. „Wie Lakritze, oder diese schwarzen Steine. Wie heißen die bloß ?“, dachte Bernd. Vera hätte es gewusst. „Ist was?“, fragte Simon. Bernd schüttelte nur den Kopf. Sie sahen wieder auf das Wasser. Simon dachte an den Kreislauf des Wassers. Zu Wolken verdunsten, als Regen auf die Erde fallen, Bäche, dann Flüsse bilden, die dann ins Meer flossen. Das Meer rauschte. Es klang wie ein heiseres Schhhhhh. Die Beiden lauschten.

 

Simon parkte den Schlumpf auf einem Parkplatz in der Nähe des Hafens. Der Parkplatz gehörte zu einem großen Supermarkt, in dem sie Bier kauften. Es war windig, aber trocken. Bernd gähnte. Dann gingen sie an den Strand. Der Mond schien. Die Wellen gingen hoch. Das Mondlicht glänzte auf den Wellen. Der Wind blies ihnen ins Gesicht. Simon und Bernd standen und schauten. Die Luft roch feucht und voll. Der Sommer hatte sie angefüllt, und nun war Herbst. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die Äcker waren abgeerntet.

Goethe, Bukowski, Salinger und Veronica.

Ich war jung und in
meinem Kopf mischten sich
Goethe, Bukowski und Salinger.
Ich war ständig verliebt.

Ich hatte noch nicht
angefangen zu trinken.
(Von anderen Drogen
ganz zu schweigen.)

Ich verliebte mich
ständig in die falschen.
Ich weiß auch nicht
warum.

Meißt waren die
Frauen begabt,
hatten eine künstlerische
Ader und waren blass.

Niemand hatte Schuld,
ich wusste einfach nicht
was ich tat. Ich kannte
das alles nur aus Büchern.

Noch heute verliebe ich
mich in Frauen die Lyrik
für mich sind. Aber ich
habe dazugelernt.

Jedenfalls
ein bischen.