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Ausflug

Es war noch dunkel und trübe, als es an der Tür klingelte. Bernd öffnete verschlafen. „Kommst du mit ans Meer?“, fragte Simon. „Was?“ Simon und Bernd waren seit etlichen Jahren Freunde. „Kommst du mit ans Meer, Bernd?“ Simons Tonfall änderte sich nicht. Bernd schüttelte sich, als ob er erst anspringen musste. „Klar, warum nicht?“, antwortete er. Dann zog er sich an. Sie sprachen nicht. Warum auch? Sie packten essen und trinken ein, und gingen nach draußen.

 

Sie stiegen in Simons schlumpfblaues Auto. Es war alt, aber noch brauchbar. Sie schnallten sich an und fuhren los. Bernd schob eine CD in den CD-Schlitz. Es war eine Mix – CD auf der neben den Beatles und Skrillex auch die Beasty Boys und die Ramones zu finden waren. Bernd fragte nicht, wie Simon auf die Idee gekommen war, heute ans Meer zu fahren. Auch nicht, warum sie gerade jetzt los mussten. Er kam gar nicht darauf, das es etwas zu fragen gäbe. Es war einfach so.

 

Simon fuhr und Bernd sah aus dem Fenster. Draußen flog die Landschaft entlang. Aber die war den beiden egal. Wichtig war es, vorwärts zu kommen. Sie schwiegen immer noch. Die Wolken öffneten sich und man sah eine wunderschöne Herbstsonne. Paul McCartney fing an „For no One“ zu singen. Simon summte mit. Es war eines seiner Lieblingslieder.

 

Bernd und Simon hatten sich damals am Meer kennengelernt. Sie waren beide fünf Jahre alt, bauten Burgen, aßen Grünofant und Dolomiti. Ihre Eltern trafen sich jeden Sommer. Sie wohnten weit voneinander entfernt. Als Simon und Bernd anfingen zu studieren trafen sie sich zufällig in der Universität wieder. Einige Zeit hatten sie sogar zusammen gewohnt.

 

Es wurde immer windiger, je näher sie dem Meer kamen. Ihre Herzen schlugen. Sie waren am Leben. Sie freuten sich auf den Wind und den Geruch des Meeres. Auf die Einsamkeit. Zwischendurch aßen sie Brote auf einem Rastplatz. Unterhielten sich über ihr Leben und Musik und welche Filme sie noch sehen wollten. Sie atmeten die Luft tief ein.

 

Simon hatte sich gerade von Vera getrennt. Friedlich. Sie hatten einfach andere Richtungen eingeschlagen. Bernd hatte Vera gemocht, aber er hatte verstanden das es nicht mehr ging. Er hatte sich um Simon gekümmert. Mit ihm Bier getrunken und ihm zugehört. Simon hatte viel von Vera erzählt. Von ihrer Narbe am Handgelenk, von ihrer Art zu Tanzen, davon das er noch nie so guten Milchreis gegessen hatte, wie den den Vera kochte. Bernd hatte nie etwas dazu gesagt. Er hatte still da gesessen, zugehört und neues Bier geholt, oder Salzstangen. Einmal hatte er sogar gekocht.

 

Sie kamen abends am Fährhafen an. Erwischten die letzte Fähre. Es war schon wieder dunkel. Das Meer schien schwarz zu sein. „Wie Lakritze, oder diese schwarzen Steine. Wie heißen die bloß ?“, dachte Bernd. Vera hätte es gewusst. „Ist was?“, fragte Simon. Bernd schüttelte nur den Kopf. Sie sahen wieder auf das Wasser. Simon dachte an den Kreislauf des Wassers. Zu Wolken verdunsten, als Regen auf die Erde fallen, Bäche, dann Flüsse bilden, die dann ins Meer flossen. Das Meer rauschte. Es klang wie ein heiseres Schhhhhh. Die Beiden lauschten.

 

Simon parkte den Schlumpf auf einem Parkplatz in der Nähe des Hafens. Der Parkplatz gehörte zu einem großen Supermarkt, in dem sie Bier kauften. Es war windig, aber trocken. Bernd gähnte. Dann gingen sie an den Strand. Der Mond schien. Die Wellen gingen hoch. Das Mondlicht glänzte auf den Wellen. Der Wind blies ihnen ins Gesicht. Simon und Bernd standen und schauten. Die Luft roch feucht und voll. Der Sommer hatte sie angefüllt, und nun war Herbst. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die Äcker waren abgeerntet.

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Über lnmyschkin

Grummeliger Bär und Denker. Schreiber von Geschichten und Gedichten.

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