Geschichten

Sie kamen fast gleichzeitig nach Hause. Die ersten Minuten schwiegen sie. Zogen ihre Mäntel aus, kochten sich etwas. Aßen schweigend. Von außen sah es so aus als wären beide allein in dieser Wohnung. Sie wussten aber, das der andere da war. Sie lächelten nicht. Es war nicht nötig.

Sie tranken Wein, der schwer und gut war. Er passte zu diesem Abend. Sie sahen sich in die Augen. Es war Zeit sich Geschichten zu erzählen. Wahre Geschichten. So erzählten sie sich Geschichten.

Einige Geschichten handelten vom Sommer. Von den Farben und Gerüchen. Von den endlosen Sonnentagen. Vom Lächeln der schönen Eisverkäuferin. Vom Lächeln der schönen Rollstuhlfahrerin. Vom Schweiß und vergammelten Fleisch. Vom Gefühl das das Leben an einigen Tagen so stark und übervoll war das es daran erstickte und starb. Von dem Moment an dem Nero endgültig verrückt wurde. Von der Schönheit des Wortes „Kartoffelfeuer“. Von dem Untergang von Kulturen. Von Postkarten mit nur einem Wort drauf. Vom Suchen und finden.

Andere vom Winter. Von gefrorernen Tränen. Gescheiterten Revolutionen. Gescheiterten Beziehung. Vom Moment an dem der Tod die Tür schließt, und „Auf Wiedersehen“ sagt. Vom fahlen Weiß, das so friedlich aussieht. Von Krähen und Raben auf einem Feld im Mittelalter. Vom Suchen und Finden. Von frierenden Robotern auf einem Pferd. Von Gedanken an die Wüste und der Sehnsucht. Von dem überraschenden finden von Wärme. Von Mäusen und Käfern. Vom Wandern während man weint. Vom achtarmigen DJ. Vom Wind und von soetwas wie Selbsterkenntnis.

Sie saßen sich gegenüber und sahen sich in die Augen. Sie bewerteten keine der Geschichten. Sie erzählten nur. Eine Geschichte nach der anderen. Manchmal überschnitten sich die Geschichten. Eine Figur einer anderen Geschichte tauchte auf. Meißt wurde sie nur kurz erwähnt und spielte keine große Rolle. Aber sie war da. Sie lebte und die Figur dachte an sie.

Irgendwann gingen sie ins Bett. Sie lagen sich in den Armen und schwiegen.

Blues

Kein Geld, aber
Mittelklasse.
Keine Zeit, aber
genau Bescheid wissen.

Das ist mein
Flaschenöffner.
Das ist mein
Feuerzeug.

Da ist mein
Bett und da
ist der Weg
zur Tram.

Da ist meine
Überzeugung
und da sind meine
Taten.

Das ist mein
letztes Geld.
und da ist
meine Begabung.

Das ist meine
Geschichte und
das sind meine
Schuhe.

Eingehüllt in
Gerüchen,
meiner Liebe,
dem Geräusch des
Fernsehers,
einem Django Reinhardt Stück,
deinem Lachen,
meiner Familie,
meinen Freunden.

Keine Zeit zu
lesen. Keine Zeit
für Gedanken. Nur
Spaziergänge.

Eine Welt

Immer wieder aufstehen.
Schläge einstecken,
Schmerzen ertragen.Ich weiß,
das ist nicht sehr originell.

Ich kenne das. All diese
Sechsergedanken. All
dieses unnötige
Selbstmitleid.

Diese Gedanken die sich geben,
als wären sie alles was du hast.
Du wärst nichts ohne sie.
Bleib wachsam!

Ja, die Welt ist schlecht,
da hast du recht. Das ändert
nichts daran, das du da bist.
Nichts weniger, als eine Welt.

Es ändert nichts daran,
das du stark werden musst.
Schlagen können, um es
nicht zu müssen.

Ich weiß, das ist nicht
sehr originell.
Trotzdem:
Immer wieder aufstehen.

Lissi & Mina

Für die Prinzessin

Nachdem Lissi ausgeschlafen und sich ausgiebig geputzt hatte, ging sie raus um sich mit ihrer Freundin Mina zu treffen. Sie trafen sich an ihrer Stelle im Park und begrüßten sich auf eine Weise, die diese Menschen nicht verstanden. (Wie sie ja auch ihre Sprache nicht verstanden.) LIssi und Mina waren Katzen.
„Was wollen wir denn heute machen?“, miaute Lissi. Mina schnüffelte gerade an einem Grashalm. „Wir könnten versuchen in diesen Keller hineinzukommen. Da gibt es spannende Ecken und wenn wir Glück haben, können wir Mäuse jagen.“ Die beiden aßen zwar keine Mäuse, aber sie jagten sie gerne. Lissi nickte und beide huschten über den Rasen.
Sie hatten Glück. Nachdem sie eine Viertelstunde über Baugruben und Straßen gelaufen waren, erwischten sie eine offene Tür, durch die sie in einen Hinterhof kamen. Sie schauten sich um, aber außer ein paar Spinnen und einigen Löwenzahnblüten, fanden sie nichts. So gingen sie in den Keller.
Im Keller roch es muffig und es gab noch mehr Spinnen. Die beiden suchten nach Mäusen, aber die waren wohl gerade verreist. Sie fanden nur Koffer, Schlitten und alte Möbel, welche die Beiden nicht sehr interessierten. Warum die Menschen sowas wohl aufhoben?
Da die Keller nichts außer Staubflusen zum spielen enthielten – welche Lissi immerhin über fünf Minuten aufhielten – nahmen sie die nächste Treppe nach oben. Sie sahen einen Hinterhof mit einem kleinen Garten voller grüner Pflanzen. Der restlicher Hof war allerdings grau, bis auf einige Fahrräder. Eins der Fenster die sie im Erdgeschoß sahen, war geöffnet. „Wer seid ihr denn?“, hörten sie eine junge Stimme hinter ihnen. Sie schauten in die Richtung und sahen eine junge Katze, die ungefähr in ihrem Alter war. Mina verbeugte sich. „Ich bin Mina, und das ist meine Freundin Lissi.“ „Sehr erfreut.“, sprach die Katze, aber Lissi hatte das Gefühl das sie das nicht wirklich ernst meinte. „Sehr erfreut, mein Name ist Klara.“
„Gibt es hier Mäuse?“
„Leider nicht. Aber wenn ihr wollt, könnt ihr dort in diese Wohnung gehen. Die Menschen, die dort wohnen haben nichts dagegen.“
„Was sind denn das für Menschen?“
„Ein Mädchen und ihr Vater.“
„Wollen wir?“, fragte  Lissi miauend.
„Ok, gerne. Besser, als uns hier zu langweilen.“, antwortete Mina. Sie vermisste das Jagen von Mäusen. Also sprangen sie aufs Fensterbrett und sahen sich um. „Nicht auf dem Bett turnen.“, rief ein Mann der an einem Laptop saß. (Die Menschen dachten immer die Katzen würden nichts davon verstehen. Lachhaft.) Ein Mädchen das auf einem Bett, vor einem Fernseher rumhüpfte und eine Rolle machte, hörte auf ohne ein Wort zu sagen. Der Mann tippte etwas in den Laptop. Er sah konzentriert aus. Wie er da sehen konnte das, das Mädchen turnte, erstaunte Lissi, die über soetwas gerne nachdachte. Andererseits hatte ihre Mutter auch immer alles gesehen. „Darf ich mir Süßigkeiten nehmen?“, fragte nun das Mädchen. „Hmm, Ok.“ Der Vater schaute hoch. „Oh, hallo Katze.“, sagte er freundlich. Dann schrieb er weiter. Mina gefiel das, sie war keine von den Katzen die dieses „Komm Miez Miez“ vertrugen. „Hallo Katze.“, sagte auch das Mädchen, das jetzt wieder ins Zimmer gekommen war. Sie erzählte von einem Kater der Kadi hieß, aber leider schon gestorben war. Sie hörten zu, erkundeten dann aber die Wohnung. Sie war unaufgeräumt und voller Bücher und Spielzeug. Sie krochen unter das Bett. Es war nett und ruhig hier.
Der Rest des Tages, war ausgefüllt mit Rennen, Spielen, und Schnuppern. Abends sangen die beiden die alten, schönen Katzenlieder von Mäusen, Katzengöttern in Katzenägyptisch. Das war die internationale Katzensprache. Sie verabschiedeten sich mit Katzenküssen.
Als Lissi nach Hause kam, aß sie eine Kleinigkeit. Dann kuschelte sie sich zu Karl-August. Er hatte den ganzen Tag geschlafen. Jetzt wachte er auf. „Und? Wie war es?“ „Schön.“ Er nickte und putzte sich hinter dem Ohr. Dann schwiegen sie.