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Ganz fälschlich hat man den Dadaismus als eine künstlerisch oder eine philosophisch eindeutig definierbare Weltanschauung ausgegeben, während sich der echte Dadaist gerade dadurch von anderen unterschied, daß alles was da war, für ihn „Dada“ war – eo iso: das Treibhaus-Gemüse der aesthetischen Lotophagen wie die lukullischen Geschmacklosigkeiten der Kriegsgewinnler; das Gebell einer Volkskundgebung wie das Bla-bla-bla einer Ministerrede; eine päpstliche Enzyklika; eine Notverordnung der Regierung; das abgewertete Papiergeld einer Inflation, das Leitartikelpapier der Weltpresse; eine Vaterlandsliebe ud ein Sexualverbrechen, eine standrechtliche Hinrichtung und ein Fememord aus dem Hinterhalt.
In der dadaistischen Verkürzung gruppierte sich das Weltbild um zwei Figuren: auf der einen Seite der Dadaist, der den Narrenbetrieb komisch nahm – auf der anderen die dadaistisch verfolgungswahnsinnigen Normalmenschen, die es ihm übel und sich selbst ernst nahmen. Der echte Dadaist war dagegen auf beiden Seiten beteiligt, überall zugegen.

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