Müde Knochen

Den ganzen Tag zu schlafen,
erzeugt eine seltsame Art
von aus der Welt fallen und
gar nicht mehr richtig wirklich
sein als Person. Du gehst
nach draußen wo all die
Menschen feiern und etwas
vorhaben und es geht dich
nichts an. Du isst, trinkst
und gehst aufs Klo und
„die Welt“ macht weiter.
Ohne dich. Dein Kopf
dreht sich, du versuchst
es mit Fernsehen. Du
spürst das Sterben.
Auch da hilft nur, es
durchzustehen. Schlaf
weiter. Versuch es morgen
wieder.

Skizze

Und als er rausging bemerkte er das, was er vergessen wollte weil er Angst hatte: Da draußen gab es Menschen. Und ein paar davon war es nicht egal, dass er existierte. Das überforderte ihn und er machte sich bereit sich wieder zu verstecken. In seinem Versteck jedoch wartete wieder dieses Tier das ihn anknurrte. (Deswegen war er ja unter anderem rausgegangen.)
Er atmete durch und versuchte ein paar Worte anzubringen. Sie hörten sich seltsam an. Wie eine Fremdsprache, in der er noch nicht sicher war. Er versuchte in den Mienen der anderen zu lesen. Noch eine Sprache die er nicht verstand. Dazu versuchte er noch seine Mimik zu steuern. Auch das gelang nur halb. Er lernte und fühlte sich dabei wie ein zweijähriges Kind. Bei jedem Fehler zuckte er zusammen und war den Tränen nahe. Worte ließen sich nicht wieder zurücknehmen. Er stieß Menschen vor den Kopf. Manchmal glaubte er es auch nur. Musste dauernd nachfragen.
Sein Körper, seine Gefühle ergaben keinen Sinn. Er belegte seine Gefühle mit den falschen Worten.

Morgens. Um die 40.

Er wacht auf eines Morgens.
Schaut in den Spiegel und
wundert sich nicht mehr.
Das ist sein Gesicht seit
heute; und seit 40 Jahren.
Die Stelle an seinem Rücken
wird schon wieder einrasten
und eigentlich ist er gesund.
Er nimmt seine 20mg und
trinkt noch mehr Wasser.
Draußen wird es langsam
kalt und sein Leben ist
immer noch sein Leben.
Es ist Sonntag und er hat
keinen Spass. Kocht Kaffee.
Bald wird seine Tochter
wach werden. Der Fernseher
wird laufen und er wird
Kaffee trinken und lesen.
Es fängt an zu regnen.

Die Beiden

Sie waren die beiden
die in der Höhle mit
den Mammutbildern
meditierten.
Sie waren die beiden
die in feinen Sachen
Rotwein und Sekt
tranken und Jazz
tanzten.
Sie waren die beiden
die ihre Tierkörper
aneinander schmiegten
und brummten und
brüllten.
Sie waren die beiden
die flogen und schwammen
und sich verkrochen und
neues ausprobierten.
Sie waren die beiden
die über die Weltmeere
segelten zu Ländern
die es angeblich gar
nicht gibt.
Sie waren die beiden
die Dinge reden ließen
in vielen verschiedenen
Sprachen.
Sie waren die beiden
die sich und die
anderen nur behutsam
ansprachen und
anfassten.

Geschichten von einem jungen Menschen.

Damals, als ich ein
Gedicht schrieb über
einen Menschen der aus
reinem Übermut aus dem
Fenster sprang.
Oder als ich die Mädchen
beneidete das sie so schöne
Kleider tragen durften und
sie die interessanteren
Gesprächstthemen hatten.
Ich hoffte auf die Liebe
und wusste nicht wie diese
aussehen sollte. Du dachtest
bestimmt das ich auf Männer
stehen würde.
(Ich stehe aber auf alle
Geschlechter.)
All diese Tage die vorüber
gingen. All diese Streitereien.
Warten auf die Liebe und
das Leben. Ich lag einfach
nur da. Suchte Menschen
die mir ähnlich sind.
Hoffte manchmal auf den
Tod. Oder ein Wunder.
Oder ein Gedicht.

Angst.

Der Körper verdreht von
den verdrehten Gedanken.
Magen rebelliert. Auge
verweigert den Fokus.

Kopf will explodieren
um zu fliehen. Herz
arbeitet schnell. Lunge
lässt keine Luft durch.

Hilfeschreie in
unverständlichem Stakkato.
Angst das sie jemand
hören könnte.

Nicht essen.
Nicht trinken.
Nich da sein.
Nicht denken.

Außer: „Übertreib nicht!“
Außer: „Das hast du verdient!“
Außer: „Du hast nichts!“
Außer: „Ich will das nicht.“

Vergangenheit

Vielleicht kämpfe ich
jeden Tag mit mir
und meiner Vergangenheit.
Aber das tut ihr auch.

Es ist nichts passiert,
damals.
Nur steht meine Kindheit
hinter mir.

Sie wechselt oft ihr
Aussehen, sie möchte
mich wohl ärgern.
Und verwirren.

Sie schleicht sich in
meine Träume. Versteckt
sich in ihnen. Dann
schreit sie plötzlich: „BUH!“

Aber sie quält mich nicht.
Hält keine Monster parat.
Nur Hass und Schmerzen.
Sehnsucht und Liebe

„Ich habe keine Philosophie, in welcher ich mich bewegen könnte wie der Vogel in den Lüften und der Fisch im Wasser. Alles was ich besitze ist ein Zweikampf, und in jedem Augenblick meines Lebens tobt dieser Zweikampf zwischen den falschen Tröstungen, die bloß die Ohnmacht steigern und meine Verzweiflung vertiefen, und diesen echten Tröstungen, die mich hinführen zu einer flüchtigen Befreiung“

Stig Dagerman