Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

(Friedrich Hölderlin)

(Der Blogautor schenkt sich zum Geburtstag einen Fremdtext…)

Gastbeitrag

Bis auf die Remixe  gab es noch keine Fremdtexte auf meinem Blog. Ich habe aber heute eine Geschichte bekommen, die ich sehr schön finde. Sie stammt von einer Kollegin und ich war einer der „Inspirationsquelle“.
Also Vorhang auf!

Ein männlicher Briefmark erlebte
was Schönes, bevor er klebte.
Er war von einer Prinzessin beleckt.
Da war die Liebe in ihm erweckt.
Er wollte sie wiederküssen,
da hat er verreisen müssen.
So liebte er sie vergebens.
Das ist die Tragik des Lebens!
(Ringelnatz)

Die lesbische Briefmarke

Es war einmal eine lesbische Briefmarke, die von einem einzigen Wunsch beseelt war: Sie wollte so gern von Königin Victoria beleckt und auf Reisen geschickt werden. Ganz so absurd wie es klingt war dieser Wunsch gar nicht, lag sie doch bereits mit ihren Schwestern und Brüdern auf dem Schreibtisch der Königin. Resultierend aus diesem außerordentlich starken Wunsch hatte sie eine große Angst: Der Schreibtisch der Königin stand direkt vis à vis des Schreibtisches von Prinz Albert. Die Briefmarke wusste, wie sehr die Königin ihren Gemahl liebte, und da sie dort bereits einige Tage lag, hatte sie durchschaut, was hier ablief. Sie bezeichnete sich selbst gerne als „Gefühlsexpertin“ und so hatte sie erkannt, wie schwer es zunächst der jungen Frau gefallen war, ihren Schreibtisch an den von ihrem Gemahl zu rücken, bedeutete dies doch, dass sie ihre Arbeit mit ihm teilen sollte, dass sie ihre Macht, ihren Thron und ihr weites Reich ebenfalls dadurch voll Vertrauen mit ihm teilen sollte. Doch dann hat sie sich – nach einigem Zögern dafür entschieden. Und die Briefmarke lag nun zwar weiterhin auf Königin Victorias Schreibtisch, jedoch jetzt ebenfalls in Prinz Alberts Reichweite. Wie leicht konnte es passieren, dass der Prinz in Bedarf einer Briefmarke seine Frau fragte: „Darling, darf ich gerade eine deiner Briefmarken ausleihen? Mit fehlt gerade eine 1p-Marke.“ Und Victoria, IKH, freundlich wie immer, würde mit diesen reizenden Lippen, die unsere Briefmarke so sehr anhimmelte, und mit dieser reizenden Zunge, nach deren Berührung unsere Briefmarke sich so sehr sehnte, sagen: „Aber natürlich Albert.“ Und ehe sie sich versah, würde sie diese Männerzunge über ihren Rücken gleiten fühlen – puh! – . Die Briefmarke knitterte ein bisschen vor sich hin bei diesem Gedanken.
Sie hatte sich gerade von dieser innerlichen Echauffierung erholt, als die Tür geöffnet wurde. Der leichte Luftzug, der entstand, forderte zunächst ihre Aufmerksamkeit, da sie ihre ganze Kraft aufbieten musste, um liegen zu bleiben – auf dem Rücken wohlgemerkt, denn es war für sie Ehrensache, dass sie der Königin stets ihren vollen Wert präsentierte. Ein wenig natürlich auch, weil sie auf diese Weise besser mitbekam, was geschah. Wer hatte das Zimmer betreten? War es der Viscount of Melbourne, der seine Beratertätigkeit ausübte, was nun immer seltener geschah, seitdem Albert verschiedene Aufgaben übernommen hatte? Oder war es die Königinmutter, in deren Gegenwart sich unsere Briefmarke meist etwas einrollte? Oder die kleine froschartige Prinzessin, vor der sie sich fast noch mehr fürchtete, da sie – wie unsere Briefmarke sehr wohl wusste – mit ihren klebrigen Fingern alles, alles anfassen musste. Das konnte sehr gefährlich für so ein kleines Stück Papier werden, egal wie wertvoll es war. So hatte sie miterleben müssen, wie eine ihrer Schwestern gepackt und zerknautscht wurde, und ehe sie vorsichtig von der Gouvernante aus Kindeshand gelöst werden konnte, hatte das wilde Kind „Iih!“ geschrien und sie zerrissen. Auf dem Fußboden endete das kurze, sinnlose Leben des gezähnten Papierstückchens, das doch für Höheres bestimmt gewesen war. Ja, als Marke konnte man nie wissen, was einen erwartete. Und war es denn zuviel des Wunsches, die Zunge der Königin zu spüren und dann stolz und glücklich seine vorbestimmte Reise anzutreten?
Vorsichtig lugte sie aus ihrer Ecke heraus, nach dem Mann, der den Raum betreten hatte. Begleitet von zwei Pagen trat er vor IKH Königin Victoria hin. Er machte große, lange Schritte in seinen schweren Stiefeln, so dass die beiden Knaben nur mühsam mit ihm Schritt halten konnten. Sein Bart war wild und struppig. Schwarz stach er nach allen Seiten, man sah den Mund nicht vor lauter Barthaaren – ein Anblick, der unsere zartbesaitete Briefmarke aufs Äußerste erschreckte. Zu ihrem Entsetzen begrüßte Königin Victoria den Mann freundlich: „Ah, Kutscher!“
Und hier ist, was die lesbische Briefmarke mitbekam.
Der Kutscher hatte extra für die Königin nicht nur einen Umweg gemacht, nein, er war sogar bereit, am selben Tag, ohne Rast und Ruh, wieder aufzubrechen um – und hier stockte das kleine klopfende Herz unserer papiernen Freundin – einen Staatsbrief der geliebten Königin zu überbringen. Hier und jetzt fehlte eine 1p-Marke. Sollte ihr Glück so nah sein? Sie hörte nicht mehr, was gesprochen wurde, sah nur noch, wie der ordentliche, saubere Brief aus edlem Bütten mit dem schnörkeligen Siegel VR von zarter Hand direkt, ohne behandschuhte Dienerhände als Mittler, in die schwielige, schwitzende grobe Pranke des Mannes im schwarzen Mantel gegeben wurde. „Aber …“, dachte sie. „Aber …“, sagte die achtsame Königin, „da ist ja gar keine Briefmarke drauf. Nein, nein, auch eine Königin hat wie jeder Engländer sein Soll zu entrichten“, lächelte sie. „Albert, bist du so nett?“ Der Prinzgemahl, der ebenso eifersüchtig wie unsere kleine Marke die Freundlichkeit der Königin gegenüber dem stattlichen Kutscher bemerkt hatte, trat rasch zum Schreibtisch
Und er griff nach ihr.
Sie schwebte in der Luft. Ein unschlüssiger Moment. Einen Augenblick schien es, als wollte Albert sie belecken, aber dann wäre der Weg der angefeuchteten Marke zum Brief zu weit gewesen. Er gab sie also an Victoria weiter. Die wusste nicht, was tun. Den Brief, den sie gerade eben als Geste des Vertrauens dem Kutscher in die Hand gab, konnte sie – und sei es auch nur für die kurze zeit, die es dauerte, die Marke aufzukleben – nicht zurückfordern. Das hätte das Ritual komplett gestört. Sie tat also das einzig richtige – und brach das Herz unserer lesbischen kleinen Freundin. Victoria gab die Marke ebenfalls in die Hand des Kutschers, der sie abschlabberte und unsanft auf das Kuvert drückte. Starr vor unsagbarem Ekel hielt sie noch eine Weile stand, als sie in die grobleinene Posttasche gesteckt wurde, doch dann riss ihr Herz sie mitten entzwei. Das Papier, auf dem sie klebte, riss mit. Der Brief war offen, als er vom Kutscher übergeben werden sollte. Ein Skandal, der so manchen Mann Arbeit, Ansehen, Karriere und sogar Leben kostete, nahm hier seinen Anfang. Doch davon bekam unsere Briefmarke schon nichts mehr mit.

bee, 30.01.2016