Der sonnige Tag

Es war schon Mittag als Gregor aus schweren Träumen erwachte. Er erinnerte sich in diesem Traum Persephone getroffen zu haben. Sie hatte Mit ihm ein ruhiges Gespräch über das Leben und den Tod geführt. Aber die Worte hatte er vergessen.

Draußen waren es 22.1 Grad Celsius und es war unbewölkt. Vögel sangen an diesem 6.5. um 15Uhr ihr bekanntes Frühlingslied. Man konnte schon den Sommer riechen. An Gregors Erdgeschossfenster ging ein Mensch vorbei, dessen Unterbewusstsein sich mit Blut, Mord und Gedärmen beschäftigte. Dieser Mensch – Er hieß Viktor Behrens und war am 21.12.1999 geboren. Aber er kümmerte sich nicht um Astrologie. – bemerkte dies nicht. Nur am Abend würde er davon träumen und kurze Zeit würde er sich wundern wo es herkam.

Zur gleichen Zeit stiegen am U-Bahnhof Warschauer Strasse viele Menschen in die U1. (Warschauer Str. – Schlesisches Tor – Görlitzer Bahnhof – Kottbuser Tor – Prinzenstr. – Hallesches Tor – Möckernbrücke – Gleisdreieck – Kurfürstenstr. – Nollendorfplatz – Wittenbergplatz – Kurfürstendamm – Uhlandstr.) Sie mussten an verschiedene Orte und tun was auch immer sie tun mussten. Es war das bekannte Gewimmel von Körpern, Geräuschen, Gesprächen und Gedanken. Die 16-jährige Leni dachte an ihren Freund und sah sich Gedankenverloren und mit verborgenen Gefühlen den Körper einer jungen Frau an die ihr gegenüber saß. Dann musste sie umsteigen. (Beinahe hätte sie es verpasst.)

Jedesmal anders.

(Teil 2)

Hallo meine Krähe,
Ich befinde mich in den 20er Jahren. Oder so ähnlich. Eigentlich weiß ich nicht genau wo ich bin. Ich habe die letzten 2 Wochen diesen Menschen gemalt. Ihr würdet euch gut verstehen. Obwohl er dieses Stärkeding fährt was du so verabscheust. Aber eigentlich bist du nicht anders. (Ja, ich höre schon auf.)
Es war herrlich ihn zu beobachten. Seine Schultern. Seine Brust. (Wie gesagt, du hättest ihn gemocht. Auch wenn du es nie gesagt hättest.) Ich hab ganz professionell getan, aber ich glaube das er mich durchschaut hat. Er hat aber nichts gesagt.
Draußen ist überall Staub. Und überall Schmutz. Die Sonne scheint jeden Tag. Ich trinke zuviel und rauche zuviel. Bald werde ich weiterziehen.
Triffst du dich noch mit ihr? Ich sehe euch förmlich in ihrer kleinen Höhle. Wie ihr euch Geschichten erzählt und euch stundenlang über ein Wort streitet. Sei gut zu ihr, sie hat es verdient. (Und bei „Sinn machen“ hat sie recht, du alter Taoist!) Gestern hab ich eine vollkommen rote Katze gesehen. Zu allem Überfluss hatte sie sogar rote Augen. Sie nickte mir zu. Und die Krähen haben nach dir gefragt.
Ich wünsche mir Regen.
Katharina.

Jedesmal anders

(Vielleicht Teil 1)

Manchmal fühlte es sich an, als würde es sie nicht geben. Als würde sie niemand sehen. Abgesehen er selber. Sie war alles mögliche. Frau, Mann, Kind, Elfe, Troll. Und dumm genug mit ihm zu reden.
Immer wieder verschwand sie. Wie auch er verschwand. Tagelang, Wochenlang. Sie wussten immer wenn es wieder Zeit war.
In der Zwischenzeit trank er Wein und Tee. Lief durch die Strassen. Arbeitete und schrieb. Was sie tat war nicht ganz klar. Auch wenn sie immer kleine Geschichten erzählte. Sie beschrieb Füchse und Katzen, die sie gesehen hatte. Erzählte, das sie die perfekten Köfte gegessen hatte. Den perfekten Kuss bekommen hatte. Wie wunderbar weich die Lippen der Partnerin gewesen waren. (Sie nannte sie Marnie, aber das war vielleicht gelogen.) Er nickte dazu. Er war nicht eifersüchtig. Sie küsste ihn. Sie gingen zu Lesungen. Er schenkte ihr kleine Haikus, die sie manchmal auf Wände schrieb. Er fand sie in den unmöglichsten Gegenden der Stadt. Sie schenkte ihm Musik auf MP3-Playern. Er hatte schon dutzende davon. Aber die Musik war immer gut.
Er bekochte sie oft. Sie blieb ein-zwei Tage. Manchmal sogar Wochen. Sie aßen und hatten Sex, obwohl er nicht sehr gut war darin. Sie lachte nur wenn er das sagte. Er glaubte ihr.
Sie sang ihm vor und er las ihr vor.
Sie sahen sich seltsame und schöne Gebäude an und liefen stundenlang durch die Stadt. Jedesmal hatte sie einen anderen Namen. Er auch.

Dichtung

Als er von Zuhause wegzog hatte er noch gedacht, er würde später mal Dichter werden. Er dachte wirklich „Dichter“ obwohl er wusste das es so etwas gar nicht mehr gab. Und obwohl seine ganzen Vorbilder Romane und Kurzgeschichten geschrieben hatten. Er hasste Figuren wie Rilke und George. Trotzdem schrieb er fast ausschließlich Gedichte.
Man hatte ihm beigebracht das er alles sein konnte was er wollte. Nun wollte er also Dichter werden. Mit aller Kraft. Und doch tat er nichts damit jemand anderes seine Gedichte las. Er schrieb jede Nacht. Arbeitete in einer Videothek. Trank viel. Schrieb weiter. Manchmal besuchte er Lesungen. Hörte zu. Vieles gefiel ihm. Obwohl es viel aggressiver war als das was er schrieb. Er feilte und feilte. Und zeigte weiterhin niemanden was er schrieb.
Die Gedichte zierten seine Wände. Er trank weiter. Zweifelte langsam. Aber schrieb weiter. Ob er besser wurde war nicht zu sagen. Aber er lebte für die Dichtung. Und schrieb weiter.

Alltägliche Begegnung

Er stieg in die U-Bah ein und stand ihr gegenüber. Es war abends und er war erschöpft. Nicht sehr aber doch. Er sah sie und sie lächelte. Sie lächelte so sehr das er sich umdrehen musste. Aber auch er musste lächeln.

Er sah sie an. Flüchtig. Respektvoll. Alles was sie trug stand ihr. Die Farben, die Form. Sie war dezent aber leicht Bohemehaft gekleidet. Nichts hing herunter. Sie TRUG die Kleidung. Er sah an sich herunter. Seine Kleidung war nicht dreckig, aber leicht schlampig. Unordentlich. Durcheinander. So wie Kleidung bei ihm immer aussah. Für einen kleinen Moment wackelte sein Selbstbewusstsein. Für eine Millisekunde fühlte er sich hässlich. Das ging vorbei. Mittlerweile konnte er gut mit diesem Gefühl umgehen. Aber es war da. Er sah aus dem Fenster.

Er musste lächeln. Genauso schnell wie das Gefühl der Unsicherheit gekommen und gegangen war, malte ihm sein Kopf eine ganze Geschichte auf. Kennenlernen, Wiedersehen, Kaffee trinken, Körper entdecken, lachen, Frühstück im Bett, Streitereien, Versöhnungen. Das ging fast schneller als er es bemerken konnte. Früher hatte er sich geschämt. Besonders über die kleinen, lustvollen Szenen. Aber er hatte das Gefühl das es Ok war.

Zwei Stationen vor seiner stieg sie aus. Bedauerte er es? Nein. War etwas gewesen? Nein. Fast nichts. Vielleicht hätte er sie wirklich ansprechen können. Vielleicht hatte sie wirklich wegen ihm gelächelt. Aber es war nicht wichtig. Der Moment hatte ihm auch so gefallen. Er hatte Grund zum lächeln. Morgen hatte er es wahrscheinlich schon vergessen. Dann musste er aussteigen.

Einen Apfel essen.

Er suchte weiter. Ohne Anfang, ohne Ende. Denn es gab beides nicht. Versuchte zu sprechen. Menschen wirklich kennenzulernen. Was hatte ihn weggetrieben? Oder war er niemals da gewesen? Wo wollte er hin?
Er träumte von Menschen mit denen er arbeiten konnte. Gleichen Zielen. Grünen Wiesen und Picknicks. Festen bei denen er sich nicht überflüssig fühlte. Etwas zu dem er hinkommen konnte. Künstlerkolonien und Wohngemeinschaften.
Er wollte sich endlich an seine eigenen Pläne halten.
Er gab nicht auf. Das Konzept war ihm zu melodramatisch geworden. Zu einfach. Aber wo wollte er hin?
Das war alles noch zu nebelig. Er wusste es. Er wollte auf den Punkt kommen. Einfach und klar wie ein Apfel zu essen sollte sein Leben sein. So wollte er Menschen begegnen.

Der Geruch von Haaren

Für die Füxin

Die Sonne war noch nicht ganz aufgegangen als Leonard aufwachte. Er lag immer noch so wie er eingeschlafen war. In seinen Armen. Der Schlafende seufzte im Schlaf. Leonard küsste seinen Arm und wand sich heraus. Er musste los. Arbeiten. Es war eine schöne Nacht gewesen. Er lächelte immer noch bemerkte es aber nicht. Das Lächeln erfüllte seinen ganzen Körper. Was war da schon sein Mund? Er streichelte eine Wange. Wieder ein Seufzen. Es hörte sich nicht unzufrieden an. Leonard liebte diesen Körper. Nein, er liebte den Menschen dem dieser Körper gehörte. Sie kannten sich gut. Jede Faser kannten sie. Das was sie getrieben hatten war im engeren Sinne kein Sex gewesen. Aber schön war es. Intimer als vieles andere. Er konnte nicht weg. Aber er musste weiter. Beim Umzug helfen. Ein letztes herunterfahren mit der rechten Hand den Rücken entlang. Dann schrieb er einen kleinen Brief und verließ die Wohnung.

Unterwegs trank er einen Cappucino. Er war spät dran. Aber das machte nichts. Er freute sich schon auf den Umzug.Manchmal trug er gerne Dinge. Spürte so seinen Körper den er solange nicht gespürt hatte. Er hatte ihm nie vertraut. Der Körper hatte solange Dinge getan die Leonard nicht verstand.Er hatte sich immer seltsam und verdreht gefühlt. Das da hatte nie so wirklich zu ihm gehört. In letzter Zeit aber lernte er immer mehr. Er spürte ihn. Stritt sich immer noch mit ihm, aber vertrug sich auch immer wieder mit ihm. Hörte mehr auf ihn. Es war ein langer Weg, und manchmal dachte er, das er mit der Suche fertig wäre wenn es zu spät war. Er dachte an Klaus wie er wohl gerade einen Milchkaffee trank. Und an Amelie in dem Hoodie den er so liebte. Nein, er liebte sie in diesem Hoodie. Und ihr Lächeln.

Amelie und Klaus wussten voneinander. Es war alles kein Problem. Warum nicht wussten sie alle drei nicht, aber so war es. Leonard war das Zuhause von beiden und es war nicht seltsam. Sollte es eines Tages seltsam werden, wäre es zuende. Das hatten sie ausgemacht. Sie lagen beieinader. Küssten sich. Sex gab es nur selten. Sie brauchten ihn nicht. Sie fanden alle drei manchmal das es seltsam war. Aber sie machten sich keine Sorgen. Es funktionierte das war die Hauptsache. In einer Umzugspause bekam er von beiden fast gleichzeitig so ein kitschiges ❤ Herz. Er lächelte und trug die Waschmaschine. Danach gab es Pizza und Bier. Beides war gut. Die Gespräche sanft und interessant. Er kannte diese Menschen gut. Sie vertrugen alle keinen Lärm. Er verabschiedete sich spät und nach drei Bier.

Er fragte sich ob sie schon schlief. Sie hatte die seltsamsten Schlafrythmen. Schlief manchmal mitten im Satz ein. Er schloss die Tür auf; sie war noch wach und las „Zärtlich ist die Nacht“. Sie lächelte als ob sie Mitleid mit den Romanfiguren hatte. Vielleicht war es so. „Hast du Hunger?“, fragte sie ihn. Er schüttelte nur den Kopf und küsste sie zart. Er atmete tief. Verglich die Düfte der beiden. Hoffte, das es richtig war was er tat. Gut für die beiden. Sie lächelte und schüttelte den Kopf, als wüsste sie was er dachte. Sie legten sich auf ihr Sofa. Er überlegte wieder wie lange das gutgehen würde. Aber da hätte er genausogut darüber nachdenken können wie lange er noch leben würde.

Ruhe in der Kraft

Für einen Moment empfand er soetwas wie Stärke. Stärke nicht gegen sondern für jemanden. Alles in ihm war ruhig. Bestimmt. Ordnend. Er wusste nicht woher dieses Gefühl, diese Sicherheit kam. Sein Atem ging ruhig. Er sprach ruhig, sicher. Er wusste auf einmal was er wollte. Wie er es wollte. Von wem er es wollte. Er nickte ihr zu. Hielt sie mit Worten fest. Fing sie auf, damit sie fallen konnte. Damit sie sich zurücknehmen konnte.

Er wusste wie schnell es genau anders sein konnte. Er nickte ihr zu. Wind kam auf. Sturm mit Blitzen und Donner. Sie war stark. Er trug sie. Sie ließ sich tragen, wie sie ihn getragen hatte.
Er hatte genug Respekt für sie beide. Deswegen hörte sie auf ihn. Sie nickte. Sah ihn an.

Sie saßen lange so. Wie lange das anhalten sollte wussten sie nicht. Diese Stille. Der Respekt. Die Stärke.

Wachtraum

4.42 Uhr auf einer weißen Matratze mitten in einer kleinen Wohnung. Er liegt zwischen Traum und Wachen. Wachträume und Schlafträume gehen ineinander über. In seinem Blut zirkulieren verschiedene Substanzen. Er bewegt sich nicht.
Er sieht Bilder. Riecht, schmeckt und fühlt Dinge die nicht in diesem Zimmer sind. Seine Gedanken streifen Körper. Sehen geliebte und begehrte Menschen. Männer und Frauen. Sie lächeln ihm zu. Seine Brust hebt und senkt sich. Es tut weh. Er fühlt ihre Wangen, Schenkel, Hintern. Schmeckt das leicht salzige am Hals einer durchtanzten Nacht. Er spricht und schweigt. Auf einmal kann er die Sprache der Augen. Nimmt alles auf.
Er fühlt Liebe und pure Geilheit. Sanfte Freundschaft und den Hass der aneinander treibt. Prügelt sich hemmungslos. Saugt das Blut von den Lippen. Verletzt und wird verletzt. Befiehlt und gehorcht. Er vertraut sich und den anderen. Noch immer bewegt er sich nicht.

Kottbusser Tor

Es war morgens als Peter Scardanelli bemerkte, dass er nicht mehr so weitermachen konnte. Das alle seine Kategorien falsch waren. Peter Scardanelli saß morgens in der U-Bahn, obwohl er nirgendwo hinwollte. Er war kein Künstler. Kein Bürger. Und überhaupt was bildete er sich ein wo er lebte. Wann er lebte? „Sprich wie ein normaler Mensch!“, hatte sie gesagt. Vielleicht hatte sie recht. War es das was ihn von allen trennte?

Er steig aus, stand herum. Sah auf das Gleisbett. Es war nur drei große Schritte von ihm entfernt. Und ein fallenlassen. Als die nächste Bahn einfuhr atmete er tief ein. Es war verlockend. Fast schien es ihm als würde es niemand bemerken. Sein Herz schlug schneller. Er bekam Halsschmerzen. Er sah sich um. Überall Menschen.
Peter hatte keine Sprache mehr. Keine Ordnung. Morgen würde es vorbei sein. Dann wieder anfangen. Wenn er davon sprach, kam er sich wie ein Lügner vor. „Du stehst doch hier, oder?“, dachte er wütend. Sein Herz tat weh. Irgendwo weinte ein Kind. Er wollte woanders hin. Nur wohin?
Er sah Körper. Alles war ihm zu nahe. Er ging ihnen aus dem Weg. Sein Kopf zog sich zwischen seine Schultern. Seine Muskeln verhärteten sich.
Die nächste Bahn fuhr ein.