Rotwein/Nacht

Es ist Nacht und sie sitzen da. Engumschlungen reden sie und trinken. Im Hintergrund knistert eine Schallplatte Musik. Es ist Nacht und sie reden. Was sie reden ist eigentlich egal. Es kommt nicht darauf an. Sie sind traurig. Aber sie fühlen sich wohl. Lange haben sie getanzt. Bei sich zuhause. Alleine. Jetzt reden sie. Und trinken Rotwein. Sie berühren sich immer wieder. Spüren sich. Bald sind sie nackt. Jetzt trinken sie Rotwein. Hören Musik. Das ist alles was passiert. Heute. Morgen gehen sie aus und trinken die Gesellschaft von Menschen. Heute sitzen sie da, trinken Rotwein, sind atemlos und berühren sich. Später schlafen sie engumschlungen auf dem Fußboden ein.

Manchmal

Manchmal. Du gehst an mir vorbei. Ich kenne dich nicht. Sehe dich das einzige Mal. Sehe deine Mütze. Deine Augen. Deine Schuhe. Dann stelle ich mir dich in der Dusche vor. Fühle deine Haut. In meinem Kopf.
Aber ich kenne dich nicht. Warum auch? Ich denke ja an dich. Für Sekunden. Bekomme Gänsehaut durch dich.  Ich gehe weiter. Wer ich bin? Ach niemand. Vielleicht ein Teil dieser Welt. Vielleicht der Richtige für dich. Vielleicht dein Unglück. Aber ich kenne dich nicht. Ich denke über dich nach. Warum auch nicht?
Ich hätte gerne gespürt wie du atmest. Ich hätte gern gewusst wie du riechst. Zwischen deinen Beinen. Im Nacken. Hätte gerne deine Zunge gespürt. An meiner Zunge. Überall. Magst du sowas? Ich weiß es nicht. Ich kenne dich nicht. Vielleicht bist du zu jung für mich. Vielleicht magst du nichts von dem was ich bin. Ich weiß es nicht. Ich kenne dich nicht. Ich sehe nur wie du langsam in die nächste Strasse verschwindest.
Hätte ich dich ansprechen sollen? Vielleicht. Vielleicht bin ich auch nicht perfekt genug. Hab nicht genug an mir gearbeitet. Bin zu dick. Bin zu wenig an angesagten Orten gewesen. Vielleicht hätte dir nicht genügt was ich denke und sage. Vielleicht hätte ich dir nicht genügt. Du hättest nicht verstanden was du mit mir sollst. Nicht gelacht natürlich, nicht über mich, aber es nicht verstanden. Warum auch? Du kennst mich nicht.
Hat mich schon mal jemand so angesehen? Im Frühling? Hier in der Stadt? Und hat mich nicht angesprochen? Weil das ja auch schön ist manchmal. Man sieht Jemanden und muss lächeln. Hat ein/zwei Gedanken. Und das war es dann. Der Tag hatte seine Gedanken. Sein Gefühl, dass es Schönheiten gibt. Und dann ist es auch einfach ein Trieb. Nichts dabei. Im Gegenteil. Bald vergessen. Aber schön.
Jetzt bist du verschwunden. Nein es war nichts. Kein Drama, keine Tragödie. Tut mir leid. Jetzt bist du weg. Mit deinen langen Haaren. Mit deinem Sidecut. Mit deinen bunten Haaren. Mit deiner Haut. Tätowiert oder nicht. In allen Farben. Mit allen Geheimnissen die ich nicht kenne. Mit deinen Geschichten. Die ich auch nicht kenne. Hast du eines dieser Katzenohrenhaarteile? Geht mich nichts an. Ich kenne dich ja nicht. Das ist Ok. Ich gehe weiter.

Neues von S.

(Skizze)

S. war nicht einmal betrunken. Er war nüchtern und bekam alles mit. Jeden Schritt, jeden Laut. Jeden Gedanken hörte er. Etwas jagte ihn. Irgendetwas wollte sich lösen und das war auch gut so. Nur war S. nicht bereit. Er fürchtete, es könnte das falsche sein was sich löste. Etwas was er noch gebrauchen könnte. Er musste das wenige beisammen halten. Es durfte nicht alles verloren gehen.

Es konnte doch nicht alles falsch gewesen sein was er getan hatte. Es war doch sein Weg gewesen. Nun stand er in einer Einöde. Überall um ihn herum war Gras und Steine. Überall sah er den Horizont und dieser engte ihn ein. Am Abend riss er sich sein T-Shirt vom Oberkörper als würde ihn das ersticken. S. bekam nichts geschafft. Und doch fühlte er sich totmüde. Er schlief immer mehr. Träumte wild und unverständlich. Sogar für ihn unverständlich. S. war nervös. Jeder Satz den er las redete auf ihn ein. 

Ansichtenfragment

Ich verstehe das alles auch nicht. Schummele mich von Tag zu Tag. Sehe auch nur die Bilder. Und habe keine Antworten. Manchmal nicht einmal Fragen die ich stellen kann. Auch ich flüchte mich manchmal in andere Welten. Rausch der Geschichten. Rausch ohne Geschichten. Glaube manchmal nur noch. Weil mir nichts anderes übrig bleibt.

Seid ehrlich -auch wenn ihr das hier nie lesen werdet- ihr habt die Antworten doch auch nicht. Nur Angst. Manchmal versuche ich so etwas wie Liebe oder Schönheit drüber zu pinseln. Sitze hier in diesem Zimmer von dem ich fast glaube das ihr es mittlerweile auch kennt. (Wie solltet ihr?) Manchmal sitze ich und erwarte nicht und das gibt mir manchmal Ruhe. Fast so etwas wie Frieden. Früher habe ich ferngesehen. Das funktioniert nicht mehr.

Wie soviel nicht mehr funktioniert. Ich werde eben älter. Und bilde mir ein es wäre interessant was ich denke. Was ich aus meinen Augen sehe. Was ich euch vorstelle. Die Wahrheit ist aber das es das einzige ist was ich kenne. Was ich erkenne. Und es hat lange gedauert darin etwas gutes zu sehen.

Bilder. Blumen und Atomexplosionen. Menschen auf der Flucht. Kinder die verhungern. Sonnenuntergänge. Liebe und Mitgefühl. (Nicht Mitleid.) Küsse und Prügeleien. Großes und Kleines. Schmerz und Verdammnis. Lust und Todeswunsch. Wo bist du gerade? Irgendwo dazwischen? Der Mensch ist ein Wesen das geboren wird, lebt und stirbt.

Der sonnige Tag

Es war schon Mittag als Gregor aus schweren Träumen erwachte. Er erinnerte sich in diesem Traum Persephone getroffen zu haben. Sie hatte Mit ihm ein ruhiges Gespräch über das Leben und den Tod geführt. Aber die Worte hatte er vergessen.

Draußen waren es 22.1 Grad Celsius und es war unbewölkt. Vögel sangen an diesem 6.5. um 15Uhr ihr bekanntes Frühlingslied. Man konnte schon den Sommer riechen. An Gregors Erdgeschossfenster ging ein Mensch vorbei, dessen Unterbewusstsein sich mit Blut, Mord und Gedärmen beschäftigte. Dieser Mensch – Er hieß Viktor Behrens und war am 21.12.1999 geboren. Aber er kümmerte sich nicht um Astrologie. – bemerkte dies nicht. Nur am Abend würde er davon träumen und kurze Zeit würde er sich wundern wo es herkam.

Zur gleichen Zeit stiegen am U-Bahnhof Warschauer Strasse viele Menschen in die U1. (Warschauer Str. – Schlesisches Tor – Görlitzer Bahnhof – Kottbuser Tor – Prinzenstr. – Hallesches Tor – Möckernbrücke – Gleisdreieck – Kurfürstenstr. – Nollendorfplatz – Wittenbergplatz – Kurfürstendamm – Uhlandstr.) Sie mussten an verschiedene Orte und tun was auch immer sie tun mussten. Es war das bekannte Gewimmel von Körpern, Geräuschen, Gesprächen und Gedanken. Die 16-jährige Leni dachte an ihren Freund und sah sich Gedankenverloren und mit verborgenen Gefühlen den Körper einer jungen Frau an die ihr gegenüber saß. Dann musste sie umsteigen. (Beinahe hätte sie es verpasst.)

Nils

Das er heute Abend trank war nicht von Bedeutung. Genau wie all die anderen Drogen die er mal genommen hatte. Er hatte Glück gehabt. Er war stark gewesen. Aber er hatte nicht das Gefühl, das es sein Verdienst gewesen war. Er fand sich nicht stark. Er war ja nicht mal stark genug unter Menschen zu gehen.

„Als ich dich das erste mal gesehen habe, dachte ich: ‚Da steht ein richtiger Mann.'“, hatte sie zu ihm gesagt und ihm von den Schauern erzählt die sie spürte wenn er sie berührte. Ihm war das zuviel gewesen. Er wusste nicht einmal was das sein sollte. Ein richtiger Mann. Er hätte sie fragen sollen was sie damit meint, aber er war zu verwirrt gewesen.

Er schien bei einigen Menschen so etwas auszustrahlen. Eine Stärke, eine Kraft. Vielleicht wäre er ein guter Dom gewesen. Jemand dem man vertrauen könnte. Sich unterwerfen, gerade nicht weil er es verlangte. Sondern weil man sich sicher fühlte bei ihm. Weil er das Kommando übernahm, nicht weil er machtgeil gewesen wäre. Sondern weil man ihn liebte und für diesen Moment alles abgeben wollte. Sich fallen lassen konnte und wusste er konnte es auffangen. Vielleicht wäre er gut darin gewesen. Wenn er diese Stärke hätte spüren können. Wenn er sie nicht für sich selbst brauchen würde. Wenn er sich eingestehen würde, das er dadurch eben kein schlechter Mensch ist. Wenn er sich seinerseits hätte fallen lassen können. So staute es sich in ihm auf und sein Körper verlangte etwas von ihm das er ihm nicht geben konnte.

Er wollte niemanden unterdrücken. Er wollte nicht diese Art von Mann sein die durch seinen Kopf geisterte. Er wollte das sein Körper ihm gehorchte. Er wollte perfekt sein.

Neuanfang

Er wusste nur, er hatte ihnen den Rücken gekehrt. Früher dachte er, es wäre ein guter Freundeskreis gewesen. Aber es war nur ein Kreis von Menschen gewesen. Menschen die ihn erziehen wollen. Vielleicht hatten sie ja sogar recht in einigen Dingen, aber das wurde verschüttet von all diesen Versuchen ihn nicht zu verstehen. Ihm zu erzählen das er sich nur anstrengen musste. Das er es falsch machte. Nicht das sie es so sagten. Er hätte es früher verstanden.
Und dazu diese wohlwollenden Blicke. Diese Versuche ihn „raus“ zu holen. Diese Gespräche die ihm sagten das er nicht zu verstehen sei. Ein kleines bockiges Kind das zu machte. Er konnte aber nicht da raus. Auch wenn er einsam war. All diese Gespräche. All dieses Geschwätz. Ja, er war wohl doch arrogant. Oder war das Problem ein anderes?
Er hätte gerne mehr gemacht. Es gab genug Probleme da draußen. Meinungen zu bekämpfen. Er hielt sich raus. Das war nicht gut, das wusste er. Aber er hielt Konfrontationen nicht aus. War das feige? Vielleicht. Aber Desinteresse war es nicht.
Es war eine Zeit in der er alles zertrümmerte in sich und außer sich. Er versuchte etwas zu finden. Ohne das er wusste was.
Er wusste nur, er hatte ihnen den Rücken gekehrt.

Skizze

Und als er rausging bemerkte er das, was er vergessen wollte weil er Angst hatte: Da draußen gab es Menschen. Und ein paar davon war es nicht egal, dass er existierte. Das überforderte ihn und er machte sich bereit sich wieder zu verstecken. In seinem Versteck jedoch wartete wieder dieses Tier das ihn anknurrte. (Deswegen war er ja unter anderem rausgegangen.)
Er atmete durch und versuchte ein paar Worte anzubringen. Sie hörten sich seltsam an. Wie eine Fremdsprache, in der er noch nicht sicher war. Er versuchte in den Mienen der anderen zu lesen. Noch eine Sprache die er nicht verstand. Dazu versuchte er noch seine Mimik zu steuern. Auch das gelang nur halb. Er lernte und fühlte sich dabei wie ein zweijähriges Kind. Bei jedem Fehler zuckte er zusammen und war den Tränen nahe. Worte ließen sich nicht wieder zurücknehmen. Er stieß Menschen vor den Kopf. Manchmal glaubte er es auch nur. Musste dauernd nachfragen.
Sein Körper, seine Gefühle ergaben keinen Sinn. Er belegte seine Gefühle mit den falschen Worten.