S-Bahnfahrt

Der betrunkene, stinkende Mann tätschelt mich
und wollte auch nur wissen was ich da lese.
Ich verstehe nicht was er mir wünscht und
gebe ihm die Hand zum Abschied.

Danach esse ich ein Sandwich und trinke Bier.
Es ist wieder mal bewölkt und bald regnet es.
Ich beobachte das und Menschen hasten vorbei.
Sie sind wie ich und ich wie sie.

In mir drin die verschiedensten Gedanken.
Die sich prügeln sich täglich.
Ich lache und weine darüber.
Und irgendetwas lächelt nur drüber.

Was ich sehe.

Ich suche nicht nach einer Wahrheit.
Ich schreibe auf was ich sehe.
Ich sehe Menschen die sich ihre Haut aufschneiden.
Sehe das Blut fließen. Rot und ungeheuer.
Menschen die geschlagen werden
von anderen Menschen die das für Liebe halten.
Ich sehe große rosa brennende Sonnenuntergänge.
Menschen die zwischen ihren Extremen verzweifeln.
Nach Liebe suchen und gerade gut zum Ficken befunden werden.
Menschen die nach Schmerz suchen um den Schmerz zu betäuben.
Weiße unglaubliche Lilien die untergehen.
Die wunderschöne reine Zärtlichkeit des Rausches.
Höre die Strophen der Internationale.
Sehe den Mond zu dem wir beten.
Den angstvollen Hass aus schlechten Ideen heraus.
Ich höre von Bomben und Mord.
Sehe in mir die Atompilze.
Spüre die Erdenschwere. Die Ohrfeigen des Lebens.
Höre noch nachts das unterirdische Brummen der Autos.
Ich spüre die Sehnsucht zu besitzen und besessen zu werden.
Spüre die Angst und die Sehnsucht in anderen.
Trinke mein Glas leer und fülle es erneut.

Heute

Der Junge im Buggy sieht sich gelangweilt um.
Ich bin versucht ihm recht zu geben.
Trotz Phasen in denen deine Augen gezittert haben.
Als Jugendlicher hast du ungern dein T-Shirt ausgezogen.
Hattest recht weiße Haut. Und recht viel Fett.
Aber es war eh nur ein Freibad aus Beton.
Heute habe ich zuviele geleckte Menschen gesehen.
Tote Gesichter die auch nur leben.
Dafür war der Bahnhof Alexanderplatz gesperrt.
Ich habe kurz an dich gedacht und an Sex.
Es gab Spatzen und Sekt und den Moloch und Rassismus.
Wir sind Bus gefahren.
Und jetzt hab ich nicht mal Lust auf Bier.
 

Es gibt Tage

Du gehst raus und die Sonne scheint
und da gibt es nichts was du sonst tun kannst.
Und das Geld reicht wieder nicht, du
versuchst es zu schaffen.
Du verhungerst nicht und der Sonnenuntergang
ist tatsächlich immer noch kostenlos.
Du liest die Strasse
wie einen sentimentalen Roman.
Siehst du einen Baum oder hörst du
eine Krähe schreien ist es ein Koan.
Erzähl deine Geschichte, verteidige deinen Raum.
Es gab Tage.

Tun

Erwachsen werden. Alt werden.
Angst haben. Kaffee kochen.
Leben leben. Mut herstellen.
Rotz ausschnupfen. Krankheiten heilen.
Frauen lecken. Musik hören.
Verrückt werden. Gewalt entfliehen.
Aufgefressen werden. Geschirr spülen.
Bücher lesen. Menschen retten.
Gedärme haben. Pickel ausdrücken.
Krebs wachsen lassen. Motten töten.
Gefühle töten. Tiere ausbluten lassen.
Geduld verlieren. Verstand verlieren.
Filme sehen. Binge Watching betreiben.
Überblick verlieren. Sich selbst verlieren.
Nerv töten. Gedichte dichten.
Musik schreiben. Freundschaft festigen.
Sich unterwerfen. Freiheit sehen.
Bluten. Rauchen. Trinken. Schreien.
Lieben. Hassen. Ficken. Verunglücken.

Nichts erwarten.
Darüber hinaus gehen.

Tages- und Jahreszeiten

(Scardanelli gewidmet.)

Jeder Tag ein weiterer Versuch
einen weiteren Tag zu überstehen.
Ohne zu viel zu kämpfen.
Ohne aufzugeben.
Der Versuch die Sonnenblumen zu sehen.
Der Versuch die Otter und Faultiere zu schützen.
Der alltägliche Wahnsinn.
Schon das Wort kann dich verrückt machen.
Und es nicht einmal der Beton.
Schuhbänder machen dich wütend.
Du musst noch Zähneputzen.
Und morgen wieder Schmerzen und Angst ertragen.
Bis du wieder zur Jazzsuite zurückkehren kannst.
Oder zu Mahler. Oder den Beatles.
Oder einigen Hölderlinversen.