Vertrauen

Bei jemanden liegen,
das ist schon etwas. Zwei
Körper, die sich vertrauen.
Und einander.
Man ruht in sich
und findet sich
im anderen.
All diese Dinge, die man
lieber nicht ausspricht,
weil sie in Liebesgeschichten
nicht vorkommen.
Weil sie keine Liebe sind.
Sondern vielleicht
etwas Eigenes.

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Aus den dunklen Wäldern

1
Ich habe Verzweiflung gesehen und
die Explosionen hinter den Augenliedern,
Wälder gab es und Träume von Göttern,
Dämonen und Rechenaufgaben.

Es gab Rausch und Liebe und
Einsamkeit und manchmal sah
ich aus, als wäre ich 1000 Jahre alt.
Ich spreche mit mir selbst.

2
Jetzt suche ich in und außer mir
nach Antworten und Fragen.
Versuche mit Menschen zu reden
und ihnen zu helfen.

Versuche zu fühlen wie
viele Verschiedene ich bin.
Fühle die Frau und den Mann,
Den Körper und den Geisterbären.

3
Ich werde berühren und nicht
übersehen das die Gefährlichen
wieder mächtiger werden. Und
die Ungefährlichen beschützen.

Ich versuche sanft und stark zu
sein. Nicht einknicken, aber auch
nicht zerbrechen. Mich und die meinen
sehen und spüren und küssen.

NSfW

Die Gefühle zulassen.
Begehren wen man möchte.
Von Körpern träumen ohne
schlechtes Gewissen.

Niemanden verletzen.
Niemanden bedrängen.
Niemanden einengen.
Aber wünschen.

Sich wohlfühlen.
Und Menschen wünschen
die das noch bestätigen.
Fühlen.

Von Kleidern träumen.
Sich alles eingestehen.
Sich alles erlauben.
Alles ausleben.

Aber eben auch:
Ruhig sein.
Anderen Platz lassen.
Nicht berühren.

Lassen wir uns
und die anderen
genießen. Und
verstehen.

Unsere Zeit

Du sitzt mir gegenüber,
wir schweigen,
sehen uns an, und
verstehen.

 
Wir hören voneinander,
immer wieder. Sind du
und ich und kaum wir.
Berühren uns.

Das Leben ist auch
schön ohne dich.
Aber ich liebe dein
Schweigen.

Manchmal retten wir uns.
Ohne das wir danke sagen.
Es ist nicht nötig.
Wir wissen wann.

Das Leben teilen wir nicht,
aber die Zeit. Du bist nie
weg, aber selten da.
Ich liebe dich.

Reden

„Wer redet ist nicht tot“

(G.Benn)

Lass uns reden.
Reden über Steuern,
unsere Gefühle und
die Welt.
Lass uns reden.
Nicht viel sagen
dabei und einfach
rauchen.
Rauchen, trinken
und kalte Frikadellen
essen. Von Küssen
träumen. Nicht küssen.
Lass uns reden.
Briefe schreiben,
Theorien erdenken,
dann drüber lachen.
Lass uns dann
Gute Nacht sagen.
Nicht küssen.
Und morgen wiedersehen.

Ausflug

Es war noch dunkel und trübe, als es an der Tür klingelte. Bernd öffnete verschlafen. „Kommst du mit ans Meer?“, fragte Simon. „Was?“ Simon und Bernd waren seit etlichen Jahren Freunde. „Kommst du mit ans Meer, Bernd?“ Simons Tonfall änderte sich nicht. Bernd schüttelte sich, als ob er erst anspringen musste. „Klar, warum nicht?“, antwortete er. Dann zog er sich an. Sie sprachen nicht. Warum auch? Sie packten essen und trinken ein, und gingen nach draußen.

 

Sie stiegen in Simons schlumpfblaues Auto. Es war alt, aber noch brauchbar. Sie schnallten sich an und fuhren los. Bernd schob eine CD in den CD-Schlitz. Es war eine Mix – CD auf der neben den Beatles und Skrillex auch die Beasty Boys und die Ramones zu finden waren. Bernd fragte nicht, wie Simon auf die Idee gekommen war, heute ans Meer zu fahren. Auch nicht, warum sie gerade jetzt los mussten. Er kam gar nicht darauf, das es etwas zu fragen gäbe. Es war einfach so.

 

Simon fuhr und Bernd sah aus dem Fenster. Draußen flog die Landschaft entlang. Aber die war den beiden egal. Wichtig war es, vorwärts zu kommen. Sie schwiegen immer noch. Die Wolken öffneten sich und man sah eine wunderschöne Herbstsonne. Paul McCartney fing an „For no One“ zu singen. Simon summte mit. Es war eines seiner Lieblingslieder.

 

Bernd und Simon hatten sich damals am Meer kennengelernt. Sie waren beide fünf Jahre alt, bauten Burgen, aßen Grünofant und Dolomiti. Ihre Eltern trafen sich jeden Sommer. Sie wohnten weit voneinander entfernt. Als Simon und Bernd anfingen zu studieren trafen sie sich zufällig in der Universität wieder. Einige Zeit hatten sie sogar zusammen gewohnt.

 

Es wurde immer windiger, je näher sie dem Meer kamen. Ihre Herzen schlugen. Sie waren am Leben. Sie freuten sich auf den Wind und den Geruch des Meeres. Auf die Einsamkeit. Zwischendurch aßen sie Brote auf einem Rastplatz. Unterhielten sich über ihr Leben und Musik und welche Filme sie noch sehen wollten. Sie atmeten die Luft tief ein.

 

Simon hatte sich gerade von Vera getrennt. Friedlich. Sie hatten einfach andere Richtungen eingeschlagen. Bernd hatte Vera gemocht, aber er hatte verstanden das es nicht mehr ging. Er hatte sich um Simon gekümmert. Mit ihm Bier getrunken und ihm zugehört. Simon hatte viel von Vera erzählt. Von ihrer Narbe am Handgelenk, von ihrer Art zu Tanzen, davon das er noch nie so guten Milchreis gegessen hatte, wie den den Vera kochte. Bernd hatte nie etwas dazu gesagt. Er hatte still da gesessen, zugehört und neues Bier geholt, oder Salzstangen. Einmal hatte er sogar gekocht.

 

Sie kamen abends am Fährhafen an. Erwischten die letzte Fähre. Es war schon wieder dunkel. Das Meer schien schwarz zu sein. „Wie Lakritze, oder diese schwarzen Steine. Wie heißen die bloß ?“, dachte Bernd. Vera hätte es gewusst. „Ist was?“, fragte Simon. Bernd schüttelte nur den Kopf. Sie sahen wieder auf das Wasser. Simon dachte an den Kreislauf des Wassers. Zu Wolken verdunsten, als Regen auf die Erde fallen, Bäche, dann Flüsse bilden, die dann ins Meer flossen. Das Meer rauschte. Es klang wie ein heiseres Schhhhhh. Die Beiden lauschten.

 

Simon parkte den Schlumpf auf einem Parkplatz in der Nähe des Hafens. Der Parkplatz gehörte zu einem großen Supermarkt, in dem sie Bier kauften. Es war windig, aber trocken. Bernd gähnte. Dann gingen sie an den Strand. Der Mond schien. Die Wellen gingen hoch. Das Mondlicht glänzte auf den Wellen. Der Wind blies ihnen ins Gesicht. Simon und Bernd standen und schauten. Die Luft roch feucht und voll. Der Sommer hatte sie angefüllt, und nun war Herbst. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die Äcker waren abgeerntet.

Judith

„What a drag it is getting old.“

(Rolling Stones/Mothers Little Helper)

 

„Wären sie heute wegen gesundheitlicher Einschränkungen voll erwerbsgemindert, bekämen sie von uns eine monatliche Rente von 99,07 EUR.“, stand in dem Brief den Kurt gerade las. Mehr würde es wohl auch nicht werden. Irgendetwas musste wohl geschehen. Aber erstmal musste er seine Tochter zu ihrer Mutter bringen. Es war Sonntag und er wollte ausgehen.

Sie schauten gemeinsam nach, ob er sie etwas vergessen hatten. Nein, gottseidank es war alles da. „Können wir?“ „Gleich.“ Sie musste sich noch die Haare flechten. Er seufzte auf, und las noch etwas Zeitung. Bald konnten sie dann wirklich gehen.

Die Autofahrt verlief ruhig und schweigend. Auch bei der Übergabe gab es keine Dramen. Alles war gut eingespielt. Es gab nichts zu besprechen. Seine Exfrau wünschte ihm noch viel Spass. Er dankte ihr, und gab seiner Tochter noch ein Küsschen auf die Wange.

Die Nacht war klar und warm. Er freute sich heute eine Verabredung zu haben, aber er war auch etwas nervös. Er kannte Judith schon länger, aber erst in den letzten Wochen hatten die beiden gemerkt, dass sie vieleicht mehr waren als „nur“ Freunde. Zumindest wollten sie heute miteinander ausgehen. Er suchte die Galerie in der sie sich treffen wollten.

Er entdeckte sie gleichzeitig mit Judith. Sie sah wunderschön aus heute Abend. Lässig, aber mit Geschmack gekleidet. Er kam sich etwas underdressed vor. Er hatte keinen Geschmack. Das heißt nicht, dass er geschmacklos gekleidet gewesen wäre, aber er verstand nichts davon und trug immer etwas langweilige Kleidung. Er umarmte Judith und traute sich sogar ein Küsschen auf ihre Wange zu. Im geheimen war er sehr stolz auf sich. „Wollen wir reingehen?“, fragte sie lächelnd. „Warum nicht?“, war seine Antwort.

Innen gab es Installationen mit leeren Flaschen zu sehen, die Kurt an eine Trauerfeier erinnerte. „Nieder mit dem Kapitalismus“ stand mit Zweigen auf eine Wand geschrieben. In einer Ecke stand eine Künstlerin in einem Bärenkostüm. Als Programm gab es einen Chor, der „Der Mond ist aufgegangen“ sang. Es war alles sehr schön. Sie tranken Wein. Plötzlich küssten sie sich.

Hand in Hand gingen sie zu ihr. Er war schon lange nicht mehr Hand in Hand gegangen. Es fühlte sich seltsam an. Er sah sie immer wieder an. Unterwegs kauften sie noch eine Flasche Wein. Sie lächelte. Er atmete tief ein. Dann gingen sie weiter. Im Hausflur küssten sie sich wieder. Es war wie ein Kampf. Ein Spiel, wie es Hundewelpen spielen. Fast hätte sie die Flasche fallen lassen. Sie schloss die Tür auf.

Drinnen tranken sie weiter. Sie versuchten über die Kunst zu reden. Sie drückte ihn gegen die Wand. Es ging weiter. Ihre Hände griffen ineinander. Sie versuchten sich gegenseitig zu Boden zu drücken. Er biss in ihren Hals. Sie stöhnte. Sie landeten auf dem Teppich. Dabei fiel ein Glas Wein um. Sie kümmerten sich nicht darum. Wieder rangen sie. „Offenbar Griechisch-Römischer Stil“, dachte er und musste kurz lachen. Sie lachte mit, obwohl sie gar nicht wusste worum es ging. Sie warf ihn auf den Rücken. Rang ihn nieder. Diesmal biss sie in seinen Hals. Er erschreckte sich kurz über den Schmerz. Dann küsste er sie. Sie zogen sich gegenseitig aus. Sie rollten über den fleckigen, nassen Teppich.

Sie waren unbeholfen, aber enthusiastisch. Sie verschmolzen nicht, aber es war richtig. Sie schmeckten sich, rochen sich, dachten zuviel nach. Ihre Körper lernten. Sie mussten lachen. Es war nicht der Himmel, aber es war das was sie brauchten. Hier und jetzt. Sie drückten sich zu Boden und bissen sich. Er wusste wo er sie zu streicheln hatte. Sie wusste wann sie seinen Hintern schlagen musste. Es war albern, aber schön.

Am Ende lagen sie an die Wand gelehnt. Sie hörten das weiße Album und tranken. Sie flüsterten. „Blackbird“ fing gerade an.