Das Lächeln

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,“

(August von Platen)

„Du bist echt kein Mensch!“, der ganze Hass ihres in 14 Lebensjahren geformten Weltbildes entlud sich in diesem Satz.

Zusammen mit ihrer besten Freunden standen sie über ihrer Mitschülerin Larissa. Larissa lag, seitdem sie von den beiden gaschubst worden war auf dem Boden. Sie rührte sich nicht. Schien gar nicht da zu sein.

Woher der Hass kam, wusste niemand. Larissa war einfach „anders“. Passte nicht hinein. Das war eine Bedrohung für sie, so hatten sie beschlossen. Und Bedrohungen mussten bekämpft werden. Bis zum Schluss.

Und so vollbrachten sie schon seit Wochen ihr Werk. Beschimpften, lachten, schubsten. Larissa schien es nicht einmal zu merken. Das spornte weiter an.

Sie erhöhten den Druck. Isolierten Larissa immer weiter. Was nicht schwer war. Larissa ertrug auch das. Manchmal lächelte sie sogar, was den Hass weiter schürte.

Larissa hatte ein schönes Lächeln. Geheimnisvoll, traurig, wissend. Blind vor Hass und Desinteresse hatten die beiden es nie wahrgenommen.

Aber plötzlich war das anders. Sie verstummten. Sahen nur noch dieses lächeln. Diese Augen. Sie glänzten in einem irren Farbenspiel.

Dann kam diese Sehnsucht, dieses Verlangen. Sie wollten diese Schönheit. Wollten, das sie nie verging. Wussten das sie nie wieder so etwas sehen würden.

Dann öffnete sich der Mund und Töne kamen heraus. Die verstärkten nur das Verlangen. Bewegen konnten sie sich schon lange nicht mehr. Nicht ihre Körper. Nicht ihre Gedanken. Nur ihre Tränen, die flossen.

Stunden später wurden die beiden gefunden.

Sie weinten immer noch.