K. geht spazieren

Als K. erwachte, war er keineswegs wach. In seinem Kopf fühlte sich alles dumpf an. Seine Gedanken waren langsam. Draußen schien die Sonne. Er hatte heute nichts zu tun, aber er musste raus, also zog er sich an. Auf sein Frühstück verzichtete er, einerseits weil er nichts anständiges da hatte, andererseits weil er keinen Appetit hatte. Hunger, aber keinen Appetit.

Draußen zog er die Luft ein. Sie war nicht frisch, aber besser als in seiner Wohnung. Seine Gedanken waren weiterhin dumpf und langsam. Er fühlte sich dumm. K. ging weiter. Er ertrug heute den Anblick von Menschen nicht. Sie schienen ihm zu fröhlich, zu verdammt selbstsicher zu sein. K. ging weiter.

Bald kam K. durch ein Neubaugebiet. Viel Grün, alles sehr gerade. K. war in einer ähnlichen Umgebung aufgewachsen. Er glaubte noch immer die Gespräche zu hören. Den Spott dieser Menschen. Er spürte die Langeweile die in ihrer „Sicherheit“ steckte. Ihre Ordnung, die in ihrern „Gärten“ steckte. Sah die Jugendlichen die diese Langeweile und Ordnung mit Alkohol und anderen Drogen betäubten. Die Unsinn machten, der sie auch nicht weiterbrachte. Er war einer von ihnen gewesen. Hatte mit ihnen gesoffen und politische Gespräche geführt. In dieser altklugen Weise, die sie für Überlegenheit hielten. Sie wussten alles. Es ging ihm nicht gut.

Damals hatte K. noch geschrieben. Das schaffte er nicht mehr. K. fiel nichts mehr ein. Er hatte keine Kraft mehr dafür.

K. fragte sich wo er hingehörte. Er hasste sich dafür. K. mochte solche Fragen nicht. Sie führten nirgendwo hin. Er wollte keiner von ihnen werden. K. wusste nicht wen er mit IHNEN meinte. Seine Wut hatte keine Richtung, nur Kraft. Deswegen traf sie ihn so oft selber. Hätte man K. gefragt ob er sich selbst hassen würde, hätte er überzeugt „Nein“ gesagt, aber er hätte nicht recht gehabt. Das war auch der Grund, aus dem er alleine war.

K. hatte die ganze Woche nichts als Brot mit Butter und Pfeffer gegessen. Ihm war schlecht. Er hatte Kopfschmerzen. K.ging weiter. K. dachte an Kathy. Kathy war sehr interessiert gewesen. K. hatte in ihrer Nähe nur herum gesessen. Über sich selbst geklagt. Als sie versuchten miteinander zu schlafen war das schief gegangen. Er hatte keinen hoch bekommen. Es war dann auch bald Schluss gewesen. Nicht wegen dem Sex, hatte sie gesagt. Er hatte ihr nicht geglaubt, obwohl es wohl die Wahrheit war.

K. setzte sich unter einen Baum. Ruhte sich aus, ohne zur Ruhe zu kommen. In einem Film wäre das ein Moment gewesen in dem ein Deus ex machina zu ihm kam und ihm die Lösung verriet. Aber das passierte nicht.

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Vorstadterinnerungen

Seltsam, sich jetzt
erinnern zu wollen.
An Träume
und Wünsche.

An die Tränen und
die langen Diskussionen
auf dem Heimweg. Mein
Fahrrad war Weiß.

Seltsam jetzt an
dich zu denken.
Ich liebte dich.
Das Gefühl war neu.

Ich schlich an
deinem Haus vorbei.
Aber vielleicht ging es
nicht um dich.

Der Geschmack
des Frühlings.
Erste Versuche
zu schreiben.

Erste Versuche
einen Platz zu finden.
Menschen die einem
ähnlich sind.

Man soll das
nicht vergessen sagst du.
Das ist manchmal
nicht so einfach.

Verena und die Bäume im Park.

Er musste raus hier. Sein Kopf tat weh. Er kam nicht weiter mit dem Text. Was wusste er schon über Beziehungen. Der Text zog sich dahin. Die Dialoge waren Unsinn, bedeutungslos. Er nahm den Figuren nichts ab. Nicht was sie taten, nicht was sie dachten. Jeden Satz den er schrieb, hätte er sofort streichen können. Es hatte keinen Sinn. Er musste raus hier.

Zum Glück gab es Bäume. Er setzte sich unter einen. Trank seine Mate und versuchte an etwas anderes zu denken. Er fing an die Menschen zu beobachten. Es war warm, sie saßen draußen. Sonnten sich. Lachten. Waren zusammen hier. Hatten eine gemeinsame Geschichte. Da war eine Gruppe Jugendlicher. Sie saßen da, tranken etwas was er nicht erkannte. Sie waren sehr freundlich zueinander. Er erkannte das unter ihren lauten Scherzen. Einige der Frauen waren sehr schön. Sie trugen Kleidung die er nicht einordnen konnte. Früher hatte er soetwas gekonnt. Er beobachtete die Gruppe weiter. War fasziniert.

Ihm kam der Gedanke, das es nicht richtig war was er hier tat. Dachte kurz daran, warum er sie beobachtete. Nur des schreibens wegen? Weil er neugierig war? Er sah sich eine von ihnen genauer an. In seinem Gehirn spielte er die Geschichte ab. Es war eine Liebesgeschichte zwischen ihm und ihr. Lächerlich eigentlich fand er. Aber er war daran gewohnt sich überall Geschichten auszudenken. Er bedachte alle Klischees. Mignon, Tadzio. Nein, aufschreiben konnte er das nicht, sosehr ihm die Geschichte gefiel. Er schüttelte seinen Kopf. Er war nicht alt, aber zu alt für sie. Aber selbst wenn er noch so jung gewesen wäre… Er musste lachen, als er darüber nachdachte wie er als Jugendlicher war. Er war heute noch nicht sehr locker, aber wenn er an diesen verkrampften Jungen dachte der Verena anschmachtete. Verena die toll war, ohne Frage. Künstlerin, eigenen Kleidungstil, wunderschönes Lächeln. Eines Tages war sie im Frack zur Schule gekommen. Aber es war so wie sie in ihrem letzten, und einzigen, Brief schrieb: Sie hätten nie zusammen gepasst. Und das war das. Kein Drama, auch wenn er sehr geweint hatte. Keine Tragödie, auch wenn er bis heute an sie dachte.

„Haben sie mal ein bischen Kleingeld?“ Er schrak auf. Sie stand vor ihm. Lächelte ihn an. Kurz war er verwirrt. Schämte sich. Dann zog er einen Fünf Euro Schein aus der Tasche. „Aber nicht für etwas sinvolles ausgeben.“ Sie lachte. Bedankte sich und ging. Er sah ihr nach. Sie war wunderschön. Er trank aus. Er würde etwas über Verena schreiben. In seiner Geschichte würde es glücklich ausgehen. In ihr würden sie zusammen sein. Schließlich war es seine Geschichte, da bestimmte er.

Vier Geschichten von Frauen (1)

Wir wohnten seit ich mit meiner Familie umgezogen war nebeneinander. Wir waren auch seitdem in einer Klasse. Ich sprach nicht mit ihr, wie ich ja mit niemanden sprach als Kind. Seltsamerweise änderte sich das, als sie für ein Jahr nach Amerika ging. Wir schickten Briefe hin und her, entdeckten Gemeinsamkeiten.

Liebe wurde es keine. Wir waren gute Freunde, die sich in diesem typischen lyrisch-verschwurbelten Ton der Pubertät unterhielten. Wir schrieben beide Gedichte. Sie von Angst vor ungewollter  Schwangerschaft, ich von traurigen,   sterbenden Mädchen. Nach einem Nachmittag voller Gespräche hat sie ein Portrait von mir verfasst.  Ich besitze es heute noch. Eingerahmt.

Ich glaube, sie dachte ich wäre Schwul und wüsste es selber nur noch nicht.

Wir besuchten uns noch ein/zwei mal. Ich sagte ihr das ich niemals Kinder haben wollte,  sie träumte davon mit sieben Kindern in Irland zu leben.

Das letzte was ich hörte war, das sie ein Kind bekommen hätte und sehr glücklich war.

Ich hoffe das ist sie immer noch.