Rasen an der Autobahnausfahrt

Geboren in finsteren Häuserschluchten,
aufgewachsen an einer Autobahnausfahrt.
Vorstadttraumgespinste vom wegfahren.
Kein Alkohol. Hat auch nicht geholfen.
Einkaufen. Kronsbeeren in Glas.
Engel und Dämonen im Spiegel.
Gedanken von Atombomben bei Nacht.
Buchstaben. Liebe zu Todesmädchen.
Gedachtes New York. Enten im See.
Zusammen essen mit nassen Haaren.
Suchen nach anderen Unterirdischen.
Warten auf den Teufel an der Kreuzung.
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Schlaflied

Schlaf ein mein Kind.
Schlafen ist wichtig.
Es passiert viel.
Nicht alles ist gut.
Schlaf ein mein Kind.
Schlaf ein mein Kind.
Dein Vater hat nicht
alle Antworten.
Er kann nicht alles.
Schlaf ein mein Kind.
Träume gut mein Kind.
Auch du wirst erwachsen.
Tastest dich nach vorne.
Wirst oft nicht weiter wissen.
Träume gut mein Kind.
Hab keine Angst mein Kind.
Nicht weil alles gut ist.
Sondern weil es weitergeht.
Und es gibt Humor.
Hab keine Angst mein Kind.

Vorstadt

I.
Ich BML wurde geboren in
den Hochhausklüften der
70er. Bald kam ich in die
grünen Vorstädte in der
die Langeweile hauste.
Ging abends mit dem Hund.
Vorbei an Häusern, Gärten
und der Autobahn mit dem
weißen Rand.
(Im Winter war sie hinter
uns beim rodeln. Kalte
Hände. Gelbes Licht aus den
Wohnzimmern.)
In meinem Elternhaus hing
Nolde und die blauen
Pferde. Ich besuchte
ernsthafte Dadaveranstaltungen.
Es war furchtbar.

Vergangenheit

Vielleicht kämpfe ich
jeden Tag mit mir
und meiner Vergangenheit.
Aber das tut ihr auch.

Es ist nichts passiert,
damals.
Nur steht meine Kindheit
hinter mir.

Sie wechselt oft ihr
Aussehen, sie möchte
mich wohl ärgern.
Und verwirren.

Sie schleicht sich in
meine Träume. Versteckt
sich in ihnen. Dann
schreit sie plötzlich: „BUH!“

Aber sie quält mich nicht.
Hält keine Monster parat.
Nur Hass und Schmerzen.
Sehnsucht und Liebe

Zu Viel

Jeden Tag liegt
der Schnee auf
den Mülltonnen
wenn du rausgehst

Die Möwen schreien
direkt aus deiner
Kindheit und dir
fällt nichts dazu ein.

Das unsere Körper
in die Leere laufen
ist auch längst nichts
neues mehr.

Jeden Tag strehst
du auf und versuchst
Bilder zu erschaffen
und Menschen zu berühren.

Zu viel Fernsehen.
Zu viel Information.
Zu viel Lärm.
Zu viel Nichts.

Mein Vater

Ich denke an dich,
immer wenn ich Dalida
und der Mond
ist aufgegangen höre.

Ich denke an dich,
immer wenn ich merke
das ich doch rechnen
kann und logisch denke.

Ich denke an dich,
wenn ich einen Wein
trinke und mich gut
fühle dabei.

Ich denke an dich,
wenn ich der Prinzessin
etwas vorlese. Und ihr
von Odysseus erzähle.

Manchmal, wenn ich
verzweifel, höre ich dein
Lachen und dann geht
es wieder.

Seltsam jetzt
dich zu denken.

Vorstadterinnerungen

Seltsam, sich jetzt
erinnern zu wollen.
An Träume
und Wünsche.

An die Tränen und
die langen Diskussionen
auf dem Heimweg. Mein
Fahrrad war Weiß.

Seltsam jetzt an
dich zu denken.
Ich liebte dich.
Das Gefühl war neu.

Ich schlich an
deinem Haus vorbei.
Aber vielleicht ging es
nicht um dich.

Der Geschmack
des Frühlings.
Erste Versuche
zu schreiben.

Erste Versuche
einen Platz zu finden.
Menschen die einem
ähnlich sind.

Man soll das
nicht vergessen sagst du.
Das ist manchmal
nicht so einfach.

Lernen was Liebe ist

Perfekte Familie.
Haus mit Garten.
Verachtende Blicke
und Steitereien die
Diskussionen genannt
werden und nicht das was sie sind,
bis das Kind anfängt
zu schreien.

Geschichten von
anderen mit Schlägen
und Alkoholismus.
Das ist es nicht,
aber die ewige Anspannung
weil sie sich Lieben.
Trotz all dem Hass.

Nächtliches Gespräch
belauschen. Nicht darüber
sprechen, alles wird
mit sich selber ausgemacht.
Die Besorgnis der Eltern
wird weggewischt.
Man schafft das..
Muss man ja.

Zu spät gekommen.
In die Zeit wo alles
nicht mehr funktioniert.
Die Geschichten
von damals.
Für ihn nur die Reste.

Selbst wenn sie sich trennen,
kommen sie immer wieder
zusammen. Nur um sich wieder
zu trennen. Die Kinder wussten es.

„Das ist Liebe“, denkt der Junge
und merkt es sich für das Leben.
All dieses Schreien und die
Verachtung. All diese Witze
und die Eifersucht.

„Das ist Liebe“, denkt der Junge
Und merkt es sich für sein Leben.

Nach Hause gehen

Er ging von der Schule nach Hause. Allein. Wie immer.

Jeder der Steine und jeder der Büsche hatte eine besondere Bedeutung, die nur er kannte. Er hätte sie warscheinlich nicht einmal erklären können. Es war wie in einem Computerspiel. Federn, Pilze, Kisten, Münzen. Nur das es bei ihm Farben und Steine und Muster waren. Er war eh nicht gut in diesen Spielen. Nur in diesem..

Er dachte an seinen Lieblingsplatz auf dem Schulhof. Dem Schulhof dieses alten Schulgebäudes, dem er gerne zuhörte. Geschichten von anderen Schulkindern. Gescheiterten und Glücklichen. Nicht das er an sowas glaubte. Er war kein Medium. Es war mehr ein Gefühl, und eine Rückkopplung der Bücher die er las.

Sein Kopf war voller Abenteuer und Geschichten. Nie würde er sie weitererzählen, nur in seinem Kopf waren sie lebendig. Kamen sie doch einmal aus seinem Mund heraus, verloren sie an Lebendigkeit.

Er war sich selbst ein Rätsel und allmählich begann er sich dessen zu schämen. Er las Bücher über Psychologie und Philosophie um zu begreifen was mit ihm nicht stimmte. Um einen Namen dafür zu haben. Reden konnte er nicht darüber.

Er ging weiter. Sprang in Gedanken über eine Schildkröte. Eine kleine Melodie erklang.

Bald würde er zuhause sein.

Grabschrift Marianae Gryphiae, seines Bruders Pauli Töchterlein

Geboren in der Flucht umringt mit Schwert und Brand
Schier in dem Rauch erstickt der Mutter herbes Pfand
Des Vatern höchste Furcht die an das Licht gedrungen
Als die ergrimmte Glut mein Vaterland verschlungen.

Ich habe diese Welt beschaut und bald gesegnet:
Weil mir auf einen Tag all Angst der Welt begegnet.
Wo ihr die Tage zählt; so bin ich jung verschwunden
Sehr alt; wofern ihr schätzt was ich für Angst empfunden.

Grabschrift Marianae Gryphiae, seines Bruders Pauli Töchterlein
(Andreas Gryphius)

Grabschrift Mar…