Zärtlichkeit

Ja, das Leben ist grausam.
Ja, das alles ergibt keinen Sinn.
Ja, die Dummheit maschiert wieder.
Ja, der Haifisch hat immer noch Zähne.
Aber solange es dich gibt.
Und gute Gespräche und Schweigen.
Den Wald und das Meer.
Und Zärtlichkeit zwischen Menschen.
Solange ist es gut.

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Warte auf mich Penelope

Steuerlos treibe ich
auf offenem Meer.
In keiner Richtung ist
zuhause. Keine Mitte
kein Selbst.

Immer wieder
verpasse ich
die Ausfahrt.
Erzähle mir Geschichten.
Singe Lieder mit
krächzender Stimme.

Verloren im
Großstadtwald
suche ich Caffes die
es schon lange nicht
mehr gibt.

Ich probiere andere
Rollen, andere Gesichter
andere Gedanken, andere
Musik.

Ich kann nicht
Ich zu mir sagen.
Ich brauche noch etwas.
Ich komme später.
Warte auf mich,
Penelope

Kitsch

Das Meer als Ende
aller Wege. Der
Sonnenaufgang als
Glücksversprechen.

Deine Arme um meinen
Bauch geschlungen, dein
ruhiger Atem auf meiner
Haut. (Zwerchfellerschütternd)

Die Sehnsucht nach etwas.
Einer Utopie. Frieden.
Gerechtigkeit. Leben.
Das Erkennen.

Das alles ist,
hoffentlich,
sehr viel weniger
kitschig als ich annehme.

Ausflug

Es war noch dunkel und trübe, als es an der Tür klingelte. Bernd öffnete verschlafen. „Kommst du mit ans Meer?“, fragte Simon. „Was?“ Simon und Bernd waren seit etlichen Jahren Freunde. „Kommst du mit ans Meer, Bernd?“ Simons Tonfall änderte sich nicht. Bernd schüttelte sich, als ob er erst anspringen musste. „Klar, warum nicht?“, antwortete er. Dann zog er sich an. Sie sprachen nicht. Warum auch? Sie packten essen und trinken ein, und gingen nach draußen.

 

Sie stiegen in Simons schlumpfblaues Auto. Es war alt, aber noch brauchbar. Sie schnallten sich an und fuhren los. Bernd schob eine CD in den CD-Schlitz. Es war eine Mix – CD auf der neben den Beatles und Skrillex auch die Beasty Boys und die Ramones zu finden waren. Bernd fragte nicht, wie Simon auf die Idee gekommen war, heute ans Meer zu fahren. Auch nicht, warum sie gerade jetzt los mussten. Er kam gar nicht darauf, das es etwas zu fragen gäbe. Es war einfach so.

 

Simon fuhr und Bernd sah aus dem Fenster. Draußen flog die Landschaft entlang. Aber die war den beiden egal. Wichtig war es, vorwärts zu kommen. Sie schwiegen immer noch. Die Wolken öffneten sich und man sah eine wunderschöne Herbstsonne. Paul McCartney fing an „For no One“ zu singen. Simon summte mit. Es war eines seiner Lieblingslieder.

 

Bernd und Simon hatten sich damals am Meer kennengelernt. Sie waren beide fünf Jahre alt, bauten Burgen, aßen Grünofant und Dolomiti. Ihre Eltern trafen sich jeden Sommer. Sie wohnten weit voneinander entfernt. Als Simon und Bernd anfingen zu studieren trafen sie sich zufällig in der Universität wieder. Einige Zeit hatten sie sogar zusammen gewohnt.

 

Es wurde immer windiger, je näher sie dem Meer kamen. Ihre Herzen schlugen. Sie waren am Leben. Sie freuten sich auf den Wind und den Geruch des Meeres. Auf die Einsamkeit. Zwischendurch aßen sie Brote auf einem Rastplatz. Unterhielten sich über ihr Leben und Musik und welche Filme sie noch sehen wollten. Sie atmeten die Luft tief ein.

 

Simon hatte sich gerade von Vera getrennt. Friedlich. Sie hatten einfach andere Richtungen eingeschlagen. Bernd hatte Vera gemocht, aber er hatte verstanden das es nicht mehr ging. Er hatte sich um Simon gekümmert. Mit ihm Bier getrunken und ihm zugehört. Simon hatte viel von Vera erzählt. Von ihrer Narbe am Handgelenk, von ihrer Art zu Tanzen, davon das er noch nie so guten Milchreis gegessen hatte, wie den den Vera kochte. Bernd hatte nie etwas dazu gesagt. Er hatte still da gesessen, zugehört und neues Bier geholt, oder Salzstangen. Einmal hatte er sogar gekocht.

 

Sie kamen abends am Fährhafen an. Erwischten die letzte Fähre. Es war schon wieder dunkel. Das Meer schien schwarz zu sein. „Wie Lakritze, oder diese schwarzen Steine. Wie heißen die bloß ?“, dachte Bernd. Vera hätte es gewusst. „Ist was?“, fragte Simon. Bernd schüttelte nur den Kopf. Sie sahen wieder auf das Wasser. Simon dachte an den Kreislauf des Wassers. Zu Wolken verdunsten, als Regen auf die Erde fallen, Bäche, dann Flüsse bilden, die dann ins Meer flossen. Das Meer rauschte. Es klang wie ein heiseres Schhhhhh. Die Beiden lauschten.

 

Simon parkte den Schlumpf auf einem Parkplatz in der Nähe des Hafens. Der Parkplatz gehörte zu einem großen Supermarkt, in dem sie Bier kauften. Es war windig, aber trocken. Bernd gähnte. Dann gingen sie an den Strand. Der Mond schien. Die Wellen gingen hoch. Das Mondlicht glänzte auf den Wellen. Der Wind blies ihnen ins Gesicht. Simon und Bernd standen und schauten. Die Luft roch feucht und voll. Der Sommer hatte sie angefüllt, und nun war Herbst. Es hatte den ganzen Tag geregnet. Die Äcker waren abgeerntet.

Der Tod und das Mädchen

I’m a fountain of blood / In the shape of a girl / You’re the bird on the brim / Hypnotised by the Whirl
(Björk/Bacherlorette)

I.
Sie saß auf seinem Oberkörper und hob ihren silbernen Dolch. Sie sahen sich in die Augen. Er lächelte. Sie lächelte. „Liebst du mich?“, fragte sie ihn. Ihre helle, fast weiße Haut ließ ihr schwarzes Kleid noch dunkler erscheinen, ganz zu schweigen von ihren schwarzen Augen. „Ja.“, sagte er. Schlicht und wahr. Er wirkte fast schmutzig auf den weißen Bettlaken, obwohl er es nicht war. Seine blauen Augen schimmerten leicht. Sie waren feucht, es war fast als wenn er weinen würden. Fast. Er war glücklich, trotz der Situation  in der er sich befand.

Sie verweilte etwas mit dem Dolch in ihrer Position. Gefühle gingen hin und her. Dann stach sie zu. Blut spritzte. Färbte das Laken rot. Er spürte noch wie sie sein Blut trank. Dann wurde es dunkel.

II.
Am nächsten Tag wurde sie vom Kaffeeduft geweckt. Sie roch gleich, wer ihn gemacht hatte. Nur er war in der Lage, einen solchen Kaffe zu kochen. Er brauchte auch immer sehr lange damit. Sie stand auf und ging, nackt wie sie war, in die Küche. „Guten Morgen Abi!“, begrüßte er sie freundlich. Sie lächelte und nahm die Tasse mit dem Kaffee die er ihr entgegenhielt. Sie trank den ersten Schluck. Er war perfekt. Er lächelte als er sah das es ihr schmeckte. Dann trank er von seinem Tee. (Es war seltsam, aber so gut er Kaffee kochen konnte, er trank nie einen.) Sie saßen sich gegenüber und redeten. Was sie heute machen würden. Was er heute für eine Geschichte schreiben würde. Welches Bild sie malen würde. Welche Musik sie dazu hören würden. Sie waren sich einig und küssten sich. Dann gingen sie an ihre Arbeit.

Am Abend trafen sie sich wieder. Ihr Bild zeigte sie und ihn. Der Hintergrund war in Rot und Schwarz gehalten. Sie hielten sich aneinander fest und waren mit Stacheldraht aneinandergefesselt. Ihre Köpfe allerdings sahen ernst in jeweils eine andere Richtung. Er nickte ernst. Es gefiel ihm. Sie sah es, er musste nichts sagen. Dann las er ihr vor. Es war die Beschreibung eines Liebesaktes. Es wurde viel gebissen und geschlagen in dieser Geschichte. Trotzdem konnte sie die Liebe zwischen den beiden Helden der Geschichte spüren. Beide waren zufrieden. „Ich hole mal den Wein.“, sagte sie. Er setzte sich auf seine Lieblingscouch. „Der Wein riecht köstlich. Tannennadel, Heu und eine leichte Note von Tod.“ Sie lächelte unergründlich als sie ihm den Wein gab. Er wurde ernst. „l’chaim“, prostete er ihr zu. Sie gab ihm Bescheid. In einem Schluck trank er seinen Wein aus. Sie küssten sich. Als sie voneinander ab ließen, griff er an seinen Hals. Sie flüsterte ihm ins Ohr: „Ich liebe dich!“ Dann sank er zu Boden. Es wurde dunkel.

III.
Am nächsten Tag wachte er nach ihr auf. Sie tranken nur ein wenig Orangensaft und beschlossen heute in den Wald zu gehen. Sie sahen herrliche alte Bäume. Fliegen summten. Sie trafen keine Menschen. Sie küssten sich, an den Stamm einer Eiche gelehnt. Sie schliefen miteinander auf dem Moos. Hinterher fuhren sie wieder in die Stadt. Tranken Cocktails und berührten sich mit den Augen. „Heute Abend wieder?“ „Jeden Abend.“ Sie gingen nach Hause. Nicht sehr nüchtern.Die Fledermaus sang ihnen Liebeslieder. Er ging als erstes in die Wohnung. Sie warf ihm einen Schal über seinen Hals und fing an ihn zu würgen. „Ich liebe dich.“, konnte er noch keuchen. Dann zog sie fester zu. Es knackte. Er sackte zusammen. Es wurde dunkel.

IV.
Am nächsten Tag frühstückten sie gar nicht. Sie stiegen in ihren roten Opel Kapitän und fuhren ans Meer. Es war ein trüber, nasser Tag. Sie gingen Hand in Hand spazieren. Er schenkte ihr eine schöne Muschel. Sie sahen Quallen. Sie froren, aber das gefiel ihnen. Mittags aßen sie Fischfrikadellen und tranken Sekt dazu. Dann malten sie zusammen ein Bild in den Sand. Es war sehr schön und bestand nur aus Ornamenten. Die Muster flossen ineinander und sahen etwas mittelalterlich aus. Als es fertig war sahen sie es sich genau an und zerstörten es sofort wieder. Dann küssten sie sich. Legten sich in den Sand. Es fing kräftig an zu regnen. Sie blieben liegen und wurden sehr nass. Hielten sich dabei bei der Hand und ließen sich nicht los. „Ich werde dich taufen.“ Er schwieg. Immer noch Hand in Hand gingen sie ins Meer. Sie küsste ihn. Sie sahen sich in die Augen. Dann tauchte sie seinen Kopf unter Wasser.
Es wurde dunkel.