Lena und Linus

Lena&Linus(III)Lana und Linus lernten sich in einem Kaufhaus kennen. Sie rannten in einander. Später erzählten sie gerne diese Geschichte. Es war keine außergewöhnliche Geschichte, aber es war ihre. Es erklang keine kitschige Musik, als sie sich in die Augen schauten. (Nur ein Vater der neben ihnen stand, brachte seine Tochter zu lachen in dem er den kleinen blauen Elefanten nachmachte, aber das hörten sie nicht.) Er lud sie auf diesen Schreck zu einem Kaffee ein. Er trank einen Cappuchino, sie einen Espresso. Sie kannte sich sehr gut aus mit Espresso, was ihn aus irgendeinem Grunde beeindrukte. Er mochte ihre Augen wenn sie von den verschiedenen Sorten sprach und von einem kleinen Cafee in einer kleinen italienischen Stadt in der sie gewesen war. Sie liebte dieses Land. Er war noch nie da gewesen und fühlte sich im Süden auch nicht wohl, aber er mochte es wie sie davon erzählte. So hörte er genau zu. Am Ende fragte er sie nach ihrer Telefonnummer. Sie überlegte sich kurz, ob sie ihm eine falsche Nummer geben sollte – sie war gerade verlassen worden – aber als sie sein Lächeln sah, gab sie ihm die richtige.

Er rief sie an und sie trafen sich bei einem Italiener, den sie ausgesucht hatte. Sie teilten die Rechnung. Das hatte sie vorgeschlagen und er hatte nichts dagegen. Draußen gingen sie spazieren und obwohl es Sommer war fror sie. Er gab ihr seine Jacke. Sie sprachen über Bücher die sie gelesen hatten. Stritten sich über Kafka, den sie brilliant fand. Er lachte bei dem Wort „brilliant“, was ihm einen Knuff einbrachte. An der Tür küssten sie sich. Wieder keine Musik. Aber sie kamen überein, das sie sich mochten. So verging die Zeit.

Sie trafen sich nun immer häufiger. Meißt direkt nach der Arbeit, oder am Wochenende. Sie tranken Bier, oder gingen essen. Ihm gefielen die meisten ihrer Freundinnen und Freunde nicht. Ihr ging es mit seinen auch nicht anders, also trafen sie sich fast nur alleine mit ihnen. Manchmal saß einer von ihnen alleine zu Hause und lasen oder sahen fern. Sie schrieben sich SMS, in denen stand das sie sich liebten. Sie glaubten das auch, und es fühlte sich gut an nicht alleine zu sein. Oder sich zumindest nicht so zu fühlen.

Als sie ca. drei Wochen zusammen waren, hatten sie das erste mal Sex miteinander. Sie übernahm die Initiative. Küsste ihn. Nahm seine Hand und legte sie auf ihre linke Brust. Er verstand. Küsste ihren Hals und sah ihr in die Augen als sie aufstöhnte. Sie waren beide nicht unerfahren und es gefiel ihnen. Ihre Körper harmonierten. Er versuchte, sie zuerst kommen zu lassen. Es gelang ihm. Danach lagen sie nebeneinander und schwiegen. Es war kein unangenehmes Schweigen. So verging die Zeit.

Manchmal versuchten sie sich Geheimnisse zu erzählen. Aber es gab nicht wirklich welche. Also erzählten sie sich kleine Geschichten aus ihren Kindheiten. Geschichten ohne besondere Pointe, die sich um Schulerlebnisse und Ferien drehten. Er war mit seinen Eltern fast immer am Meer gewesen. Sie in den Bergen. Sie verglichen beides, und lachten darüber, dass sie sich fast stritten. Dann küssten sie sich. So verging die Zeit.

Manchmal empfahl sie ihm Bücher die sie gelesen hatte, aber er mochte es nicht wenn ihm jemand etwas empfahl. Er konnte die Bücher dann nicht mehr lesen. Sie hatte kein Verständnis für diese Eigenart. Sie empfand sie als arrogant. War beleidigt. Er versuchte sie zu verstehen. Entschuldigte sich, aber im Grunde seines Herzens war es ihm egal. Er verstand was sie daran ärgerte, aber auch das war ihm egal. Manchmal erschreckte ihn das. Er überlegte ob sie sich trennen sollten, aber als er soetwas andeutete, lachte sie nur. Also blieben sie zusammen.

Sie zogen zusammen. Nach einer angemessenen Zeit. Er zog zu ihr. Schmiss einigen Kram weg, den er sowieso weggeschmissen hätte. Sie hatte den besseren Geschmack in solchen Dingen. Das gab er ehrlich, aber schulterzuckend zu. Sie verzichteten auf eine Einweihungsfeier, weil sie sich nicht einigen konnten wen sie einladen sollten. In den ersten Monaten war es seltsam. Sie mussten sich erst zusammenraufen. Sie entwickelten kleine Rituale. Wer auf welcher Seite schlief. Wo was im Kühlschrank lag. Was sie einkauften. Sie hasste seine rote Beete. Er ihren vegetarischen Brotaufstrich. Kein Grund sich zu trennen. So verging die Zeit.

Sie kauften ein. Essen, Kleidung. Sie kochten zusammen. Waren nicht gut darin, aber es schmeckte ihnen. Sie überlegten ob sie sich ein gemeinsames Hobby zulegen sollten. Es fiel ihnen nichts ein. Sie hassten Hobbys. Hatten beide nie eins gehabt. Lieber gingen sie ins Kino oder sahen DVD. Sie hätte gerne über Anschlußfehler geredet, aber er hatte sie deswegen einmal angeschrien. Deswegen unterließ sie es.

Sie fingen an sich über Kleinigkeiten zu streiten. Nannten sich gegenseitig Langweilig. Konnten sich nicht mehr auf Filme einigen. Oder was sie essen wollen. Kleinigkeiten eben. Sie wurden laut. Sie vertugen sich wieder. Manchmal hatten sie Versöhnungssex. Der gefiel ihnen sogar irgendwie. Das Adrenalin kochte in ihrem Blut und für wenige Minuten vergaßen sie ihr Leben.

Dann wieder lagen sie nachts wach. Grübelten und ärgerten sich das sie so sehr ein Klischee nachspielten. Er dachte oft an Züge. Einfach weg sein. Weggehen. Zigaretten holen. Wieder ein Klischee. War man nicht zusammen um nicht mehr einsam zu sein? Sie weinte manchmal lautlos. Dachte an ihre erste große Liebe, die sie nie mehr wiedergesehen hatte. Wie leicht war doch das Zusammenleben mit einer Erinnerung! Nein, Hass war da nicht. Sie mochten sich immer noch. Aber etwas fehlte. Liebe vielleicht? Hochzeit? Ein Kind?

Sie hatten nie große Träume gehabt. Das Leben plätscherte so dahin und das war auch gut so.

Als sie eines Tages auszog, war es nicht wegen eines Streites. Sie verklagten sich nicht. Blieben Freunde. Trafen andere. Das was war, war vorbei. Sie lebten weiter. So verging die Zeit.

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Krähen, Feen, Wassermänner, Gespenster.

Das erste was mir einfält ist die Tatsache, das das allererste Buch was ich gelesen habe, der Räuber Hotzenplotz war. Ich las es gleich 26 (oder so) mal. Verliebte mich ein wenig in die Fee Amaryllis. (Noch heute mag ich diesen Namen sehr. Amaryllis.) Staunte über den wunderschönen Namen, Petrosilius Zwackelmann. (Später, als ich dieses Buch der Prinzessin vorlas, lächelte ich jedesmal wenn der Name auftauchte.)

Natürlich las ich darauf die wundervolle Trilogie, der kleine Wasserman, das kleine Gespenst und, natürlich, die kleine Hexe. Geschichten von Freundschaft und Neugierde. Das erste mal erlebte ich jemanden der diese Figuren ganz selbstverständlich sprechen lassen konnte. Der einem etwas beibrachte, ohne das man lernen musste. Jemand der Phantasie ernst nahm. Ich denke ihm habe ich es zu verdanken, wenn ich heute mit allerlei Dingen und Wesen spreche ohne mir etwas dabei zu denken.

Krabat habe ich seltsamerweise erst spät gelesen. Ich war ca 26 und wieder war da diese Selbstverständlichkeit der Zauberwelt. Wieder dieses Lernen. Diese Beschreibung eines Bösewichtes, der nicht einfach nur böse war weil er böse war. (Was mich schon als Kind an z.B. den Grimmschen Märchen gestört hatte..) Gesellschaftskritik? Ja, aber das führt in die Irre. Der Begriff ist zu eng. Als guter Lehrer wusste er wohl wie man Kinder zum denken brachte. Ohne das sie es merkten. Auch ich hab das erst später bemerkt.

Träume, Gedanken, Magie. Ich danke dir, Otfried Preußler! Und die Prinzessin (großer Hotzenplotzfan!) auch!

 

Lernen was Liebe ist

Perfekte Familie.
Haus mit Garten.
Verachtende Blicke
und Steitereien die
Diskussionen genannt
werden und nicht das was sie sind,
bis das Kind anfängt
zu schreien.

Geschichten von
anderen mit Schlägen
und Alkoholismus.
Das ist es nicht,
aber die ewige Anspannung
weil sie sich Lieben.
Trotz all dem Hass.

Nächtliches Gespräch
belauschen. Nicht darüber
sprechen, alles wird
mit sich selber ausgemacht.
Die Besorgnis der Eltern
wird weggewischt.
Man schafft das..
Muss man ja.

Zu spät gekommen.
In die Zeit wo alles
nicht mehr funktioniert.
Die Geschichten
von damals.
Für ihn nur die Reste.

Selbst wenn sie sich trennen,
kommen sie immer wieder
zusammen. Nur um sich wieder
zu trennen. Die Kinder wussten es.

„Das ist Liebe“, denkt der Junge
und merkt es sich für das Leben.
All dieses Schreien und die
Verachtung. All diese Witze
und die Eifersucht.

„Das ist Liebe“, denkt der Junge
Und merkt es sich für sein Leben.

Straße

How does it feel
To be without a home
Like a complete unknown
Like a rolling stone?

(Like a Rolling Stone, Bob Dylan)

 

Oder im Sommer, wenn das Auto (war es rot?) vollgepackt war, Abfahrt gleich nach der Schule, es war heiß, ich stellte mir vor neben dem Auto herlaufen zu können.  Hatte Angst davor das ich die Tür aufmachen würde. Natürlich tat ich es nicht. Das Leben lag vor mir. Ich war jung. Manchmal denke ich es war alles nur ein Witz. Manchmal habe ich die Angst heute noch.

Im Regen sah ich den Tropfen nach. Der Regen machte, zusammen mit dem Autodach, eines der schönsten Geräusche der Welt. Die Tropfen verbanden sich zu Flüssen dem ich viel Glück wünschte. Hörte der Regen auf, trockten die Flüsse und die Tropfen hatten es schwerer. Im Radio spielte Musik. Später hörte ich lautere. Wütendere.

Nachts durch die Strassen gehen, wenn die Stadt schläft und träumt. Sie mit eigenen Träumen verbinden. Götter, Dämonen…nein die eigene Einsamkeit sehen und sie umbennen.  Nicht nach Hause können, auch wenn man eins hat. Der Körper spielt den Blues.

Alles ist besser als stehen zu bleiben.

 

 

 

Die Wohnung

„Du musst dein Leben ändern.“

(R.M.Rilke)

Die Wohnung ist 54,03 M² groß. Sie steht in einer dieser Strassen. Nicht weiter wichtig. Sie ist voll von Büchern und Müll. In der Mitte liegt er.

Auch er nicht weiter interessant. Immerhin ein Mensch. In seinem Kopf drehen sich Sätze und Tatsachen. Der Besitzer des Kopfes versucht , möglichst keine Gefühle zu haben. Er verharrt in Bewegungslosigkeit. In seinem Briefkasten steckt die Post von zwei Wochen. Darunter wichtige, die er sich ansehen sollte.

Die Erde dreht sich um sich selbst, um die Sonne und mit der Galaxis. Alles das lässt seine Gedanken explodieren. Sein Mund ist trocken,  sein Magen schreit nach Nahrung. Er bewegt sich nicht.

„Töten, getötet. Töten, getötet.“ Er kann nicht aufhören diese zwei Worte zu denken. Immer wieder. Immer im gleichen Rythmus. Irgendwann lacht und weint er gleichzeitig.

Irgendwann wird er aufstehen. Gehen, etwas essen.

Irgendwann geht die Sonne auf.

Seiten.

Das rauschen der Bäume,
in der stillen Nacht der Stadt.
Möwengeschrei über dem Fluß.
Atem geht ruhig.

Die stille Selbstverständlichkeit
des Kindes, wenn es sagt:
„Ich weiß.“ , das Lächeln
produziert.

Der ruhige Atem
neben dir,
der dich lächeln
lässt.

Wo ist das alles,
wenn du schwitzt, und
wegen der Sonne
nichts mehr siehst?

Nach Hause gehen

Er ging von der Schule nach Hause. Allein. Wie immer.

Jeder der Steine und jeder der Büsche hatte eine besondere Bedeutung, die nur er kannte. Er hätte sie warscheinlich nicht einmal erklären können. Es war wie in einem Computerspiel. Federn, Pilze, Kisten, Münzen. Nur das es bei ihm Farben und Steine und Muster waren. Er war eh nicht gut in diesen Spielen. Nur in diesem..

Er dachte an seinen Lieblingsplatz auf dem Schulhof. Dem Schulhof dieses alten Schulgebäudes, dem er gerne zuhörte. Geschichten von anderen Schulkindern. Gescheiterten und Glücklichen. Nicht das er an sowas glaubte. Er war kein Medium. Es war mehr ein Gefühl, und eine Rückkopplung der Bücher die er las.

Sein Kopf war voller Abenteuer und Geschichten. Nie würde er sie weitererzählen, nur in seinem Kopf waren sie lebendig. Kamen sie doch einmal aus seinem Mund heraus, verloren sie an Lebendigkeit.

Er war sich selbst ein Rätsel und allmählich begann er sich dessen zu schämen. Er las Bücher über Psychologie und Philosophie um zu begreifen was mit ihm nicht stimmte. Um einen Namen dafür zu haben. Reden konnte er nicht darüber.

Er ging weiter. Sprang in Gedanken über eine Schildkröte. Eine kleine Melodie erklang.

Bald würde er zuhause sein.