Schönheit

Vielleicht ist es dieses Verblühen.
Vielleicht das du nichts verpassen kannst.
Hier in diesem Raum in dem du sitzt.
Und dein Bart wird länger
und der Hunger größer und du kannst nicht.
Kannst nicht raus. Kannst nicht sprechen.
Schweigst vor der Schönheit.
Die dir den Atem raubt. Die dir Angst macht.
Etwas ist zerbrochen. Schon immer.
Falsch zusammengesetzt. Und du kannst nicht.
Kannst nicht drüber sprechen.
Weil es falsch ist. Jeder Buchstabe.
Jeder Buchstabe eine Lüge.
Du kennst dich nicht.
Kannst dich nicht anpreisen.
Hast dich nicht verstanden.
Und nichts auf diesem Planeten.
Der so anders ist als dein Heimatplanet.
Die Schwerkraft hier ist stärker.
Glücklicher Kal-El.
All das ist nicht schön.
Vergiss das nicht.

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Dichtung

Als er von Zuhause wegzog hatte er noch gedacht, er würde später mal Dichter werden. Er dachte wirklich „Dichter“ obwohl er wusste das es so etwas gar nicht mehr gab. Und obwohl seine ganzen Vorbilder Romane und Kurzgeschichten geschrieben hatten. Er hasste Figuren wie Rilke und George. Trotzdem schrieb er fast ausschließlich Gedichte.
Man hatte ihm beigebracht das er alles sein konnte was er wollte. Nun wollte er also Dichter werden. Mit aller Kraft. Und doch tat er nichts damit jemand anderes seine Gedichte las. Er schrieb jede Nacht. Arbeitete in einer Videothek. Trank viel. Schrieb weiter. Manchmal besuchte er Lesungen. Hörte zu. Vieles gefiel ihm. Obwohl es viel aggressiver war als das was er schrieb. Er feilte und feilte. Und zeigte weiterhin niemanden was er schrieb.
Die Gedichte zierten seine Wände. Er trank weiter. Zweifelte langsam. Aber schrieb weiter. Ob er besser wurde war nicht zu sagen. Aber er lebte für die Dichtung. Und schrieb weiter.

Manchmal

Ich hatte Absinth
getrunken und
gut gegessen. Die
Sonne ging mit einem
satten rosa unter und ein
gebraucht gekaufter MP3Player
spielte Joy Division.
In dem Buch was ich las,
ging es um Musen und
Fabeln.
Ich war bestimmt nicht
der coolste aber da.
Ganz da.
Ich könnte bestimmt
etwas lernen daraus,
aber manchmal
muss man verdammt nochmal
die Klappe
halten.

Jetzt

Die Sonne scheint.
Die Stadt steht da.
Man geht zu Fuß.
Die Gitarre sägt.

Die Mülltonnen leer.
Das Gesicht im Spiegel.
Ich bin schlecht in dem
was ich am besten kann.

Die Natur erwacht.
Die Menschen reden.
Erzählen Geschichten.
Ich hüpfe auf und ab.

Das Essen schmeckt.
(Man könnte sich
gesünder ernähren.)
Die Körper fühlen sich wohl.

Sitzen im Park.
Beobachten.
Atmen.
Jetzt.

Verena und die Bäume im Park.

Er musste raus hier. Sein Kopf tat weh. Er kam nicht weiter mit dem Text. Was wusste er schon über Beziehungen. Der Text zog sich dahin. Die Dialoge waren Unsinn, bedeutungslos. Er nahm den Figuren nichts ab. Nicht was sie taten, nicht was sie dachten. Jeden Satz den er schrieb, hätte er sofort streichen können. Es hatte keinen Sinn. Er musste raus hier.

Zum Glück gab es Bäume. Er setzte sich unter einen. Trank seine Mate und versuchte an etwas anderes zu denken. Er fing an die Menschen zu beobachten. Es war warm, sie saßen draußen. Sonnten sich. Lachten. Waren zusammen hier. Hatten eine gemeinsame Geschichte. Da war eine Gruppe Jugendlicher. Sie saßen da, tranken etwas was er nicht erkannte. Sie waren sehr freundlich zueinander. Er erkannte das unter ihren lauten Scherzen. Einige der Frauen waren sehr schön. Sie trugen Kleidung die er nicht einordnen konnte. Früher hatte er soetwas gekonnt. Er beobachtete die Gruppe weiter. War fasziniert.

Ihm kam der Gedanke, das es nicht richtig war was er hier tat. Dachte kurz daran, warum er sie beobachtete. Nur des schreibens wegen? Weil er neugierig war? Er sah sich eine von ihnen genauer an. In seinem Gehirn spielte er die Geschichte ab. Es war eine Liebesgeschichte zwischen ihm und ihr. Lächerlich eigentlich fand er. Aber er war daran gewohnt sich überall Geschichten auszudenken. Er bedachte alle Klischees. Mignon, Tadzio. Nein, aufschreiben konnte er das nicht, sosehr ihm die Geschichte gefiel. Er schüttelte seinen Kopf. Er war nicht alt, aber zu alt für sie. Aber selbst wenn er noch so jung gewesen wäre… Er musste lachen, als er darüber nachdachte wie er als Jugendlicher war. Er war heute noch nicht sehr locker, aber wenn er an diesen verkrampften Jungen dachte der Verena anschmachtete. Verena die toll war, ohne Frage. Künstlerin, eigenen Kleidungstil, wunderschönes Lächeln. Eines Tages war sie im Frack zur Schule gekommen. Aber es war so wie sie in ihrem letzten, und einzigen, Brief schrieb: Sie hätten nie zusammen gepasst. Und das war das. Kein Drama, auch wenn er sehr geweint hatte. Keine Tragödie, auch wenn er bis heute an sie dachte.

„Haben sie mal ein bischen Kleingeld?“ Er schrak auf. Sie stand vor ihm. Lächelte ihn an. Kurz war er verwirrt. Schämte sich. Dann zog er einen Fünf Euro Schein aus der Tasche. „Aber nicht für etwas sinvolles ausgeben.“ Sie lachte. Bedankte sich und ging. Er sah ihr nach. Sie war wunderschön. Er trank aus. Er würde etwas über Verena schreiben. In seiner Geschichte würde es glücklich ausgehen. In ihr würden sie zusammen sein. Schließlich war es seine Geschichte, da bestimmte er.

Das Lächeln

Wer die Schönheit angeschaut mit Augen,
Ist dem Tode schon anheimgegeben,“

(August von Platen)

„Du bist echt kein Mensch!“, der ganze Hass ihres in 14 Lebensjahren geformten Weltbildes entlud sich in diesem Satz.

Zusammen mit ihrer besten Freunden standen sie über ihrer Mitschülerin Larissa. Larissa lag, seitdem sie von den beiden gaschubst worden war auf dem Boden. Sie rührte sich nicht. Schien gar nicht da zu sein.

Woher der Hass kam, wusste niemand. Larissa war einfach „anders“. Passte nicht hinein. Das war eine Bedrohung für sie, so hatten sie beschlossen. Und Bedrohungen mussten bekämpft werden. Bis zum Schluss.

Und so vollbrachten sie schon seit Wochen ihr Werk. Beschimpften, lachten, schubsten. Larissa schien es nicht einmal zu merken. Das spornte weiter an.

Sie erhöhten den Druck. Isolierten Larissa immer weiter. Was nicht schwer war. Larissa ertrug auch das. Manchmal lächelte sie sogar, was den Hass weiter schürte.

Larissa hatte ein schönes Lächeln. Geheimnisvoll, traurig, wissend. Blind vor Hass und Desinteresse hatten die beiden es nie wahrgenommen.

Aber plötzlich war das anders. Sie verstummten. Sahen nur noch dieses lächeln. Diese Augen. Sie glänzten in einem irren Farbenspiel.

Dann kam diese Sehnsucht, dieses Verlangen. Sie wollten diese Schönheit. Wollten, das sie nie verging. Wussten das sie nie wieder so etwas sehen würden.

Dann öffnete sich der Mund und Töne kamen heraus. Die verstärkten nur das Verlangen. Bewegen konnten sie sich schon lange nicht mehr. Nicht ihre Körper. Nicht ihre Gedanken. Nur ihre Tränen, die flossen.

Stunden später wurden die beiden gefunden.

Sie weinten immer noch.